tet. Wir gaben die wichtigsten qualitativ begründeten Urteile Lists
über einige von ihm positiv geschätzten Schriftsteller wieder. Schon sie
sind hinreichend, die bisherigen Richtungen der Forschung zu entwerten:
die Ableitung von der Romantik ist ein Irrweg; die einseitige
Verfolgung des Einflusses von Raymond ein unergiebiger Nebenpfad.
Daß Adam Müller List unbekannt war, ist an anderer Stelle belegt worden.
Daß eine Wandlung Lists vom Freihandel zum Schutzzoll durch
die nicht bedeutende Schrift Raymonds in der amerikanischen Zeit erfolgt
sei, wird niemand, der Chaptals Werk gelesen hat, mit Ernst
vertreten können. Ob eine nennenswerte Einwirkung von Hamiltons
Schriften anzunehmen ist, kann erst nach der vollständigen Publizierung
der amerikanischen Schriften Lists geklärt werden.
Zu. einer anderen gleich wichtigen Seite unseres Themas geben wir
hier nur einen vorläufigen kurzen Hinweis: Lists historisch-konkrete
Methode des Argumentierens ist von seinen Kritikern unter den deutschen
Gelehrten als „Neuerung‘“ anerkannt worden, und Hildebrands
Wort, List habe die deutschen Nationalökonomen zum historischen
Studium hingedrängt, ist als Schlagwort allgemein bekannt geworden.
Aber weder Hildebrand noch Roscher oder Knies sind den von List
genannten Spuren nachgegangen, welche ihnen die geistige Heimat
dieser Methode gezeigt hätte.
In der Einleitung zum 4. Bande wird die Aufklärung dieser Fragen
wenigstens in Angriff genommen werden. Mit der Kenntnis von King
(1721), Ustariz (1724), UHNoa (1740) u. a. hat List eine breite Berührung
mit dem Geiste des 18. Jahrhunderts?®8, wo durchwegs historisch
argumentiert wird, in der gleichen Art, die auch Chaptal
noch eigen ist. Überall finden wir die gleiche systematische und lehrhafte
Art der Benutzung der Geschichte. Endlich wird die herrschende
Ansicht stark einzuschränken sein, daß Lists historische Bildung gänzlich
laienhaft gewesen sei. Gewiß trieb er nicht geschichtliche Studien
zum Zwecke einer unendlichen Erkenntnis des Vergangenen. Aber
er suchte und fand in den benutzten Werken, von denen noch Andersons
und Macphersons Annalen zu erwähnen wären, die Gesetze und
Ordnungen der Gewerbe und des Handels, die Reden und Erlasse der
Könige und der großen Minister, und in diesen originalen Zeugnissen
erfaßte List die echten Züge des Wirtschaftsgeistes der früheren Jahrhunderte.
III. Lists Zeitschicksal als strukturgebender
Faktor seiner Lehre.
Unsere weiteren Ausführungen sollen sich dem Stoffe nach auf
Lists Stufenlehre und seine begrifflichen Bestimmungen der Nation
beschränken. Die Stufentheorie steht im Zentrum gerade der Preisschrift
und vereint in sich Lists historisches, politisches und systematisches
Interesse; die Variationen dieser Theorie von der einen
Schaffensperiode Lists, in der sie nur als Rudiment auftaucht, über
eine solche der reifen Ausbildung bis zur Endperiode des Zollvereins-23