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doch auch zur Liturgie gehörige Entrüstung über die entsprechenden
sittlichen Defekte.
Und nun zur Sache:
Ich habe der Marxschen Arbeits-Zeit-Theorie des Waren-
wertes meine „Arbeits-Wert-Theorie“ des Warenwertes entgegen-
gestellt. Dazu bemerkt Herr Brunner: „Schon der Name der
neuen Lehre macht uns stutzig. Der Arbeitswert als Wertmaß-
stab? Höchst sonderbar und unlogisch klingt das!“
Wirklich? Ach, Herr Brunner, als ein kritischer Richter,
der nach dem Marxschen Kodex seine Urteile zu fällen hat,
sollten Sie wirklich wissen, daß auch die Marxsche Wertlehre im
Grunde eine „Arbeitswerttheorie des Warenwertes“ ist!. Und
wenn Sie nur ein wenig nachdenken wollten, würden Sie finden,
daß es gar nicht anders sein kann. Es gibt nämlich einen Ele-
mentarsatz, — ich bitte um Verzeihung, wenn ich hier mit ABC-
Weisheiten komme, aber, wenn man dazu gezwungen wird ...—
der sich auf den Geltungsbereich von Gleichungen bezieht: und
das werden Sie ja wohl wissen, daß alles Messen auf Gleichungen
hinausläuft, und daß das Problem des Wertes ein Messungsproblem
ist. Jener Elementarsatz lautet, daß in einer Gleichung nur „gleich-
dimensionale Größen“ vorkommen dürfen. Das heißt: ich kann
Längen (Strecken) nur mit Längeneinheiten, Gewichte nur mit Ge-
wichtseinheiten, Volumina nur mit Volumeinheiten, Temperaturen
nur mit Temperatureinheiten usw. messen. Und so kann ich
Werte nur mit Werteinheiten messen. So wenig ich sagen darf:
der Weg von London nach Berlin ist 99° Celsius oder ı23 Kilo,
oder: das Gewicht der Bavaria ist 1296 Hektoliter oder 70 Kilo-
watt — — geradeso wenig darf ich sagen: der Wert dieser Uhr
ist 23 Stunden.
Das hat Karl Marx, der als Schüler Hegels in solchen
Formalien stärker war als mancher seiner heutigen Adepten, sehr
gut gewußt. Und darum hat er als Wertmaß selbstverständlich
eine Werteinheit aufgestellt und zwar eine Arbeitswerteinheit,
nämlich den Aufwand einer selbst Wert besitzenden und daher
Wert bildenden Substanz während einer bestimmten Zeit, einer
Stunde, eines Tages, eines Jahres. Sein Wertmaß ist eine Stunde
usw. einer Arbeit von bestimmtem gesellschaftlichen Wert, näm-
I) Marx sagt ausdrücklich: „Ist der Wert dieser Kraft höher, so äußert er sich
aber auch in höherer Arbeit und vergegenständlicht sich daher in denselben Zeiträumen
in verhältnismäßig höheren Werten.‘