335) Die Kapitalbildung. Die Entstehung des Kapitalbegriffes. 177
Daneben sehen wir aber noch eine dritte ganz andere Art der Kapitalbildung,
die weder mit der Sparsamkeit, noch mit dem Talent, der Konjunktur etwas zu thun
hat. Die reichen Leute, die mit erworbenem oder ererblem Vermögen heute das
5—10 fache von dem einnehmen, was sie selbst bei großem Luxus ausgeben können,
werden das nicht verbrauchte Einkommen immer wieder zurücklegen. Nebenbei vermehren
solche Leute vielfach auch ihr Kapital durch zufällige monopolistische Rentenbildung.
Mit dieser einfachen Unterscheidung fallen die thörichten Schulstreitigkeiten weg,
welche so lange darüber geführt wurden, ob die Kapitalbildung allein auf der Spar—
samkeit oder allein auf der Überschußproduktion oder anderen Eigenschaften und socialen
Einrichtungen beruhe. In welchem Maße freilich die verschiedenen socialen Klafsen
an der Vermögensbildung teilnehmen, ist bei dem Mangel an statistischen Grundlagen
schwer zu sagen; es wird auch in jedem Lande wieder aͤnders sein. Aber für Deutsch—
land möchte ich, anknüpfend an Beckers noch weiter zu erwähnende Schätzung von
2,8 Milliarden Mark jährlicher Rücklage, die Vermutung aussprechen, daß von ihnen
vohl 12/2 auf die Rücklagen der Reichen und der größeren Geschäftsleüte, aber
JMilliarde doch auch auf die kleineren Leute und wirklichen Sparer komme; unsere
Arbeiter zahlen heute 160180 Mill. Mark jährlich in die Versicherungsinstitute, den
deutschen Lebensversicherungsanstalten flossen jährlich 1888 1900 226 431 Mill.,
den deutschen Sparkaffen mindestens die gleichen Beträge zu; was kleine Bauern und
Geschäftsleute im eigenen Geschäfte, in Häusern, Grundstücken anlegen, dürfte sich
mindestens auch auf so viel belaufen.
Für alle Klassen der Gesellschaft hängt die steigende Kapitalbildung mit der all—
gemeinen Rechtsficherheit neuerdings ebenso zusammen wie mit der Ausbildung der
Krediteinrichtungen; das Sparkassen, und Genossenschaftswesen, das Versicherungs und
Bankwesen erleichtern die Anlage, reizen zu Rücklagen. Auch der Bauer hört auf, die
Thalerstücke in Strümpfen und Töpfen zu verbergen und zu vergraben, die Hausfrauen
werden immer seltener, die sich am gefüllten Leinenschrank an sich erfreuen. Man
wünscht Besitztitel und Renten, man bringt jede überflüfsige Mark in die Kreditkassen.
Alle Arten von Vermögens- und Besitzstücken werden nach ihrem Geldwert, nach ihrer
Fähigkeit Rente zu geben geschätzt und so als eine einheitliche Maße betrachtet, die
man vom einen Standpunkle aus als Vermögen, vom andern als Kapital bezeichnet.
Ehe wir von der allgemeinen volkswirtschaftlichen Bedeutung der Kapitalbildung
reden, sei ein Wort über den wissenschaftlichen Sprachgebrauch der einschlägigen Begriffe
und über die statistische Meßbarkeit der Kapitalbildung gesagt.
.183. Begriff von Kapital und Vermögen. Wie die Römer schon die dar—
geliehene Summe caput, Hauptsumme, nannten im Gegensatz zu den Zinsen, die dabei
als der untergeordnete Teit de— Rechtsverhältnisses dem Hauptteil entgegengesetzt wurden,
gebrauchte man auch im Mittelalter capitaie (pars capitalis debiti) für Geld⸗ und
Viehdarlehen, und die Bezeichnung erhielt sich in diesem Sinne bis ins 18. Jahrhundert.
NRachdem daun Hume gelehrt hatte, daß die Höhe der Zinsen weniger von der Menge
des Geldes als von der angehäufter Reichtümer überhaupt abhänge, lag es nahe, alle
zurückgelegten Uberschüsse, die angehäuften Werte (aleurs accumulées), wie es Turgot
that, als Kapital zu bezeichnen und zu betonen, daß andere Dinge ebenso gut wie das
Veld Kapial sein könnten, da man ja mit ihnen Grundstücke und anderes kaufen umd
vom Interesse jedes Kapitals leben könne. Zugleich mit dieser wissenschaftlichen Definition
erbreitete sich in der westeuropäischen Geschästswelt der Sprachgebrauch, alles werbende
ermögen sofern man von seiner technischen statur absieht, an seinen Geidweri und seine
Nente denkt, Kapital zu nennen.
dufli Die Wissenschaft aber ging andere künstlichere Wege. A. Smith wollte die Pro⸗
duktion der wirtschaftlichen Güter gleichsam technisch erklären und an diese Erklärung
dr der Einkommensverteilung anknüpfen. Im Geschmacke seiner Zeit erschienen ihm
de Vatur, die Arbeit und die Produkte, welche weiterer Produktion gewidmet sind, als
en koordinierte Glieder. Er setzt den der unmittelbaren Konsumtion dienenden Gütern
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. II. 1. —6. Aufl