schwankend usw. Diese Behauptungen blieben nicht
unwidersprochen. Es 'entspann sich ein erbitterter
Streit, der vor der Oeffentlichkeit in Zeitungen,
Broschüren, Communiques ausgefochten wurde und
zur Folge hatte, daß eine sechsgliedrige Unter-
suchungskommission eingesetzt wurde. Diese gab nach
fast einjähriger Arbeit ein Gutachten ab, auf Grund
dessen im Jänner 1927 eine ministerielle Verordnung
erschien, die neue Richtlinien für die Verwaltung der
staatlichen Sammlungen festsetzte, so zwar, „daß gegen
die Gebarung mit den wertvollen Sammlungsgegen-
ständen in Zukunft berechtigte Einwände nicht mehr
erhoben werden können”.
Zu den bedeutendsten Ereignissen im Kunstleben
Wiens gehörten ferner die von der „Gesellschaft der
Museumsfreunde” veranstalteten Ausstellungen. Schon
die erste im Herbst 1923 im Gebäude der Secession,
5sterreichische Malerei „Von Füger bis Klimt”
umfassend, übte die größte Anziehungskraft aus; es
{olgten 10924 eine „Ausstellung von Werken der
italienischen Renaissance aus Wiener Privat-
besitz” (1024), „Französische Kunst des XIX.
Jahrhunderts” (1925), ferner — wir greifen hier
etwas vor, um die Kette der Ereignisse nicht zu
anterbrechhen — „Oesterreichische Gotik” im
Museum für Kunst und Industrie 1926, „Deutsche
Kunst des XIX. Jahrhunderts” (1926); ferner
dald darauf die erfolgreichste von allen, die „Englische
Ausstellung”, die seit dem Bestand der „Secession”
die höchste Besucherzahl, 60.000, aufweisen konnte,
schließlich. die überaus interessante Historische Por-
trätausstellung (1927) und die Ausstellung österrei-
cQchischer Handzeichnungen vom XVII. bis
zum XX. Jahrhundert (1928), die letzten beiden
im Künstlerhaus. Unter den von anderen Vereini-
gungen während dieser Zeit veranstalteten Dar-
bietungen retrospektiver oder zusammenfassend pro-
grammatischer Natur heben wir hervor: Gedächt-
nisausstellungen Rumpler, Robert Ruß, Isidor
Kaufmann, Pettenkofen (zum 100. Geburtstag)
J. Blaas, Egger-Lienz, zuletzt Angeli (1028).
sämtlich im Künstlerhaus, wo auch eine Ausstellung
„Oesterreichische Künstlerbildnisse der
letzten 100 Jahre” leider nur in Fachkreisen die
verdiente Anteilnahme fand (1924); in der Secession
eine Nachlaßausstellung Zerlacher (1923), „Christ-
liche Kunst” 1925), die Schwedische und Pol-
aische Ausstellung (1026, 10928), schließlich die
„Klimtausstellung” zum Gedächtnis des 10. Todes-
tages (1028).
Nicht unerwähnt .darf bleiben, daß schon im Jahre
1922 die Kunst der Vervielfältigung, die in Wien
immer auf einer besonders hohen Stufe stand, wieder
Gelegenheit fand, sich zu bewähren. Es erschien
damals das große Staatsgaleriewerk mit unüber-
trefflichen Wiedergaben der Originale in Farben-
lichtdruck, das prächtige Daffingerbuch von
'„. Grünstein, Publikationen wie „Ingres” von
„ Fröhlich-Bum, „Füger” von A. Stix und andere
‘chlossen sich an. Eine Sonderstellung gebührt dem
‚on der Wiener Staatsdruckerei ausgeführten und in
hrem Verlag erschienenen Roman des Königs
iene mit seinem spätgotischen Miniaturenschmuck,
nem Prachtstück unserer Nationalbibliothek. Dieses
Aeproduktionswerk. erregte auf der Pariser Aus-
stellung im Jahre 1025 solches Aufsehen, daß an die
»bige Anstalt die Einladung erging, einige ihrer
Künstler nach Paris zu entsenden, um dort gewisse,
ichwer zu vervielfältigende Stücke aus dem Besitz
des Louvre aufzunehmen.
Auch sonst zeigte sich rege Tätigkeit auf dem Ge-
biete des Kunstgewerbes. Schon im Winter 19019 ver-
ınstaltete das Oesterreichische Museum für
Kunst und Industrie seine erste Ausstellung.
Die „Gobelinmanufaktur” wurde gegründet, ein
Jnternehmen, das bald mit ganz hervorragenden
echnischen Leistungen vor das Publikum trat; im
Jahre 1024 war das arme, zertretene Oesterreich
mstande, sich für die Pariser „Exposition des
\rts decoratifs” (1025) zu rüsten, und daran mit
ner großen Schaustellung teilzunehmen, die zwar
‚om künstlerischen Standpunkt aus sehr verschieden-
ırtig beurteilt wurde, immerhin aber für die Lebens-
ınd Arbeitskraft‘ unseres Ländchens ein starkes
Zeugnis abzulegen vermochte.
Bei diesem Anlaß können wir uns nicht versagen,
Jarauf hinzuweisen, daß man einen falschen Begriff
vom Wesen des Wiener Kunstgewerbes erhielte, wollte
man dieses ausschließlich nach den Darbietungen be-
urteilen, wie sie auf solchen Ausstellungen gezeigt
werden. Diese geben nur einen relativ kleinen Aus-
schnitt des Ganzen. Man wird eine richtigere Vor-
stellung bekommen, wenn man sich auch an das hält,
was die Schaufenster der vornehmeren Geschäftsviertel
n der Inneren Stadt bieten. Ich entsinne mich der
Aeußerung einer weitgereisten, weltkundigen, künst-
erisch veranlagten und sehr verwöhnten Ausländerin,
lie mir schon im Jahre 1923 versicherte, man sehe
außer etwa in Paris in keiner Stadt der Welt so
zeschmack volle und schöne Dinge wie in den Aus-
lagen der eleganten Wiener Geschäfte,
Wenn sich somit auf dem Gebiet des Museal- und
Ausstellungswesens eine immer mehr gesteigerte Tätig-
zeit feststellen läßt, bietet sich ein wesentlich anderes
Bild, wenn wir die Verhältnisse betrachten, unter
denen sich das Schaffen und Wirken der zeitgenöSs-
sischen, lebenden Künstler Oesterreichs vollzog und
noch vollzieht.
Bei Kriegsbeginn prophezeiten die Pessimisten ein
5aldiges Stillestehen des ganzen Kunstlebens. Das war
aun keineswegs der Fall. Die segensreiche Institution
les Kriegspressequartiers gab einer großen Zahl vor
Vialern, Bildhauern und Architekten Beschäftigung
\ber auch als der Friede — man darf wohl sagen
a