Erster Abschnitt. Die Schutzgebiete unter deutscher Verwaltung
Bedarf an Sklaven unersättlich war. So wurde
der Westafrikaner fremdenfeindlicher, abgeschlossener,
rotziger und nahm Kulturgüter unwilliger an,
ils der Ostafrikaner. Weit ins Land gelangten
in Ostafrika die Kulturpflanzen und Haustiere
der Länder des Indischen Ozeans. Die Kokgs—
»alme ist hier im Gegensatz zur westafrikanischen Ol⸗
halme die Charakterpflanze geworden. Der Mono—
heismus in Gestalt des Islam ist wenigstens an
den ostafrikanischen Küsten viele Jahrhunderte
alt, während an den westafrikanischen Küsten
bis zum Eingreifen der christlichen Mission der
Fetischdienst, vielfach verbunden mit Menschen⸗
opfern und schauerlichen Geheimbünden, ohne
Begenwirkung sein Unwesen trieb. Nach West—⸗
afrika gelangte der Islam nicht vom Meere
ondern vom Lande aus und erreichte die Küste
uuch in der neuesten Zeit nicht. Der Inder
fehlte ganz. Ob sein Erscheinen in Ostafrika
für die Eingeborenen ein reiner Segen war,
wird man bezweifeln dürfen, denn sicher war er
ein Kulturträger nur gegen hohe Wucherzinsen.
Aber zum Charakter des modernen Oftafrika hat
er schon deswegen nicht unwesentlich beigetragen,
weil er den europäischen Krämer entbehrlich machte.
In Ostafrika erschien der handeltreibende Europäer
aur als Kaufherr, während in Westafrika neben dem
Kaufherrn auch der Krämer auftrat, der mit dem
Neger um den Regenschirm, mit der Mammi um
die Schachtel Streichhölzer handelte. Auch die
—A
Ostafrika die ausgesprochene Herrenkolonie wurde.
Hier wurde das leicht erlernbare Suaheli ge—
prochen und verstanden und von uns sofort als
Verkehrs- und Verwaltungssprache übernommen
uind überallhin ins Innere verbreitet, eine klang—
schöne, anpassungsfähige Sprache, zum Kultur—
vermittler wie geschaffen. Sie bewahrte uns
davor, die Muttersprache von Negerlippen ver—⸗
tümmelt zu hören und reservierte sie der Herren⸗
schicht; aber sie bewahrte uns vor allen Dingen
vor dem Zwange, uns des kindisch-grotesken
Pidgin-Englisch des tropischen Westafrika und
der Südsee bedienen zu müssen.
Alles dies hat dazu beigetragen, den be—
sonderen Charakter jeder einzelnen Kolonie, der
ihr durch die physischen Grundlagen und die
geschichtliche und wirtschaftliche Entwickluug vor⸗
geschrieben war, auszugestalten, wie wir später⸗
hin erkennen werden.
Doch nun zunächst zu der Frage, weshalb
Deutschland sich entschlossen hat, Kolonial—
politik zu treiben und wie sich diese Hoffnungen
verwirklichten. Es ist bekannt, daß unsere Be—
»ölkerung in den 40 Jahren vor dem Kriege sich
um die Hälfte vermehrte und daß in dieser Zeit
Landwirtschaft und Industrie ihre Rolle ver—
tauschten, d. h. daß die 420,, der Gesamtbevölkerung,
die noch in den 80er Jahren landwirtschaftlich
ttitig waren, im 20. Jahrhundert sich in der
Industrie ihr Brot verdienten, und daß die Land—
virtschaft nur noch ein Viertel unseres Volkes
veschäftigte. Dementsprechend führten wir Acker—
auprodukte ein, beim Weizen schon halb so viel
ils wir selbst erzeugten, und führten Industrie—
rodukte aus. Für diese aber mußten wir ebenfalls
ie Rohstoffe aus dem Auslande beziehen:
in Baumwolle und Wolle zusammen über eine
Milliarde, an Kupfer und Häuten je ein drittel
Nilliarde, an Kautschuk 140 Millionen. Aus
en Beispielen geht hervor, daß ein sehr großer Teil
er Einfuhr tropischer Herkunft war. UÜber eine
Milliarde entfiel darauf. Denn der Verbrauch
og. Kolonialwaren, d. h. tropischer Nahrungs⸗
ind Genußmittel, war ungemein gestiegen. Allein
in tropischen Olfrüchten, aus denen wir die be—
ebten Speisefette wie Palmin usw. herstellten,
ihrten wir für eine halbe Milliarde ein, an
abak für 180 Millionen. Der Kaffeeverbrauch war
eit 1840 auf das 27/,fache, der Reisverbrauch auf
as 18 fache gestiegen. Ja Baumwolle verbrauchten
oir 1913 vierunddreißigmal soviel als 1840.
Es lag nahe, daß ein solches Konsumentenvolk
aran dachte, diese Bedarfsstoffe ganz oder zum
rheblichen Teile auf eigenem Boden zu ge—
vinnen. Dieser Wunsch war auch rechnerisch
ichtig. Als in Hamburg Sachverständige daran
ingen, für die Vorbereitung des Friedensvertrages
en Wert unserer Kolonien und den Verlust zu
erechnen, den ihr Fortfall für uns bedeuten
ürde, kamen wir zu dem Ergebnis, daß tropische
zinfuhrgüter, die uns, aus fremden Kolonien be⸗
»gen, 100 Millionen kosten würden, bei der
zrzeugung in eigenen Kolonien nur 50 bis
5 Millionen Mark kosteten, weil der Rest als
zewinn und Lebensunterhalt unserer Ansiedler
ind Angestellten daselbst, als Handels-, Reederei—
ind Versicherungsgewinn, unserem National⸗
ermögen wieder zugute kam.
Hinzu kommt, daß die Lieferungsländer sich
tit immer mehr Erfolg bemühten, uns statt Roh—
rodukte, wie z. B. Palmkerne, Halbfabrikate, wie
zalmöl, oder gar Fertigfabrikate, wie
Nargarine und Seife zu liefern und daß schließlich,
vie der damalige Abgeordnete Stresemann einma.
o hübsch sagte, sich die „Offene Tür“ so oft als
ie erwiesen hat. aus der der deutsche Kaufmann
mnaus flog. Tatsächlich haben nur Deutschland
nd die Niederlande das Prinzip der Offenen
Für ehrlich durchgeführt, jenes so ehrlich, daß
nsere Kolonien als Zollausland galten, d. h.
aß Deutsch-Ostafrikanischer Kaffee denselben
rzinfuhrzoll in Hamburg zahlile wie Brasilkaffee.
50 kam es, daß manche unserer kolonialen Er—⸗
eugnisse statt nach Deutschland ins Ausland
ingen. Frankreich gibt den Importeuren seiner
dolonien Vergünstigungen für die Einfuhr auf
ranzösischen Schiffen, England gibt seinen Ex—
»orteuren nach den Kolonien Vorzugszölle bis
332/50, und Portugal sogar bis 900/0.
Äuch waren die Kolonialgebiete, aus denen
wir bezogen, keineswegs gleichwertig als Ab⸗