Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Ubwandlungen. 263 
2. Beachtenswerter aber noch als der Rückgang, ja Unter— 
gang der Satire war der Untergang der noch in der zweiten 
Hälfte des 16. Jahrhunderts so hoffnungsvollen Anfänge des 
Dramas. Denn das Drama war seit dem 16. Jahrhundert 
recht eigentlich zur Führung der Dichtungsgattungen berufen: 
in dramatische Formen hatten sich die alten Schwänke und 
die neutestamentlichen Parabeln wie die kirchlichen Legenden, 
in dramatische Formen auch die dialogische Satire und die 
satirischen Holzschnittfolgen der Reformationszeit mit ihren 
Versen umzukleiden begonnen. Denn während das Evpos sich 
mit der Darstellung des einfach Singulären begnügt und die 
Satire den groben Typus sucht und entwickelt, bringt das 
Drama die höhere Integration beider: bestimmte Menschen, 
deren Tun dennoch im Sinne typischen Handelns auf uns wirkt 
und wirken soll. 
Wie gewaltig der Zug zu einer Weiterbildung der dichte— 
rischen Darstellungsmittel in dieser Richtung war, das läßt 
ich seit dem 16. Jahrhundert an tausend Erscheinungen er⸗ 
kennen, die um so mehr beweisend sind, je ferner sie zu liegen 
scheinen: an der dramatischen Fassung der Flugschriften und 
seglicher Satire, an der Kürzung der überlieferten Epen, die 
z. B. bei dem Gedichte vom Herzog Ernst fast auf ein Zehntel 
des ganzen hinausläuft, und am meisten wohl an der zunehmend 
dramatischen Wandlung des Volkslieds. 
Aus alledem war nun die volkstümliche Entwicklung des 
Dramas seit dem 15. Jahrhundert im tiefsten Sinne hervor— 
gegangen. Gestützt aber erschien diese Bewegung wenigstens 
bis auf einen gewissen Grad durch den Einfluß der ersten 
humanistischen Renaissance. Denn wie sich in der nationalen 
Poesie das dramatische Element vor allen anderen entwickelte, 
so war es bezeichnend, daß die Nation aus der Antike zunächst 
die Lyriker so gut wie gar nicht, ein wenig, soweit sie satirischen 
Neigungen entgegenkam, die Fabel, mit voller Liebe aber nur 
das Drama, und hier wieder die römische Posse, aufnahm. 
Und sie begnügte sich nicht mit der bloßen Aufnahme, sie schritt 
m lateinischen Schuldrama zur Nachahmung fort. Diese
	        
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