925) Außerliche Schwankungsursachen. Erntewechsel. 467
Verlauf (5 240) und deren geschichtlichen Überblick (F 241) wir geben, um dann zu der
bisherigen Krisentheorie (5 242) und zu einem zusammenfassenden Urteil (8 248) zu
gelangen und mit einigen Bemerkungen über Krifenpolitik abzuschließen (F 244). — Wir
haben oben (I 8 72-78 ff.) kennen gelernt, wie die Bevölkerung früher schwankte, wie
Krankheit, Hunger, Kriege sie zeitweise dezimierten; die Bewegung war eine stoßweise, rasch
zu- und dann wieder abnehmende; im Mittelalter verdoppelte sich oft in 20 —40 Jahren
die Einwohnerzahl einer Stadt und fank dann noch viel rascher; die überlieferten
Meister⸗ und Gesellenzahlen schwanken viel mehr und häufiger als analoge Zahlen der
Gegenwart. Das mußte den Bedarf und Absatz ebenso rasch und gewaltig ändern.
Bis in unsere Tage aber greifen die großen Krankheiten, die großen Kriege, der Über—
gang von Frieden zu Krieg, von Krieg zu Frieden übermächtig in die Größe und Art
der Nachfrage ein; große Störungen müssen die Folge sein. Die preußische Krisis von
1763 an, die englische von 1815 an war mit dadurch hervorgerufen.
Das wichtigste wirtschaftliche Bedürfnis, das der Ernährung, wurde, seit der
Mensch den Acker zu bauen und das Vieh zu zähmen lernte, wohl sehr viel besser als
einstmals befriedigt; aber einst wie heute ist es von den Zufällen der Witterung, der
Ernten, des Gedeihens von Tieren und Pflanzen abhängig. Die niedrigstehenden RKassen
hatten dementsprechend, wie wir sahen (§176), in erster Linie die Kunst lernen müssen,
lange zu hungern und dann für Wochen zu fressen. Von den Buschmännern wird be—
richtet, daß sie die Fähigkeiten eines Raubtiermagens in Bezug auf Gefräßigkeit und
Hungern besitzen, von den Jakuten, daß einer wohl 40 Pfund Fleisch an einem Tage
verzehren könne. Je höher der Körper und der Geist sich ausbilden, desto gleichmäßigere
Ernährung wurde erstes Bedürfnis. Der Durchschnittskonsum an Brot und anderen
mehlhaltigen Speisen ist z. B. in Paris 1830 —1860 noch konstanter gewesen als in
den preußischen Städten. Der an Brot ist überall konstanter als der an Fleisch. Wie
steht dem gegenüber aber die Möglichkeit der Beschaffung der Nahrungsmittel? Die
Getreideernten haben offenbar früher noch viel mehr geschwankt als heute. Und dem—
gemäß haben auch die Menschen unter nichts mehr zu leiden gehabt als unter den
jeitweiligen Mißernten; in Indien und China sind noch in den letzten Jahrzehnten
wiederholt Millionen von Menschen Hungers gestorben. Heute macht die bessere Land—
wirtschaft und der Handel in Westeuropa Derartiges unmöglich. Aber die Ernteverschieden⸗
heiten blieben bis heute verhängnisvoll genug; die französische Weizenernte z. B. vetrug
1817 48, 1819 64, 1820 44,5, 1853 63, 1857 110, 1890 91, 1891 54 Mill. l.
Von 1871-1888 haben die Summen einheimischen verkauften Weizens im Vereinigten
Königreich zwischen 6,4 und 12,9 Mill. Quarter geschwankt (Fuchs). Engel hat für
Preußen und die Jahre 1846 — 1867 berechnet, daß die Roggenernte, das Mittel zu
100 gesetzt, zwischen 122 und 65 schwankte. Und die Wirkung ist um so tiefer ein⸗
schneidend, als, wie geschichtliche und naturwissenschaftliche Undersuchung uns ziemlich
sicher bewiesen haben, meist eine Reihe guter und schlechter Ernten sich direkt folgen und
zwar oft 4210 Jahre hintereinander, oft sogar so, daß in 40—50 Jahren nur wenige
reiche auf überwiegend geringe Ernten jolgen oder umgekehrt. Dafür nur einige Be—
weise aus älterer und neuerer Zeit. Nach Lamprecht kostete ein Malter Korn im Rhein—
land im 14. Jahrhundert 55 Gramm Silber, 1400 - 1450 37, 1450 - 1475 26,
1475—1500 17. In England kostete der Quarter Weizen 1700 - 1725 44 -48 Schill.,
1725—-1750 28 Schill. (Funningham). Eine landwirtschaftliche Krisis lag über einem
großen Teile West- und Mitteleuropas von 1720 bis gegen 1760 wegen der niedrigen
Preise; Toolke hat es zuerst klar nachgewiesen. Als nach den schlechten Ernten, Ver—
kehrserschwerungen und Kriegsereignissen, welche 1788 — 1815 sehr hohe Preise erzeugt
hatten, mit dem Frieden, den landwirtschaftlichen und agrarpolitischen Fortschritten von
1815, hauptfächlich von 1818 an eine lange Reihe guter Erntejahre kam, entstanden
allerwärts wieder Klagen und Bankerotte der Grundeigentümer und Pächter. England
verlor damals sehr viele seiner kleineren, schwächeren Bauern (Rae). Die Boden und
Pachtpreise sanken in Deutschland teilweise um 10-30, teilweise um 800/0. In Berlin
hatten 100 kg Roggen 1801 -1810 18,30 Mt. gekostet, 1825 601 Mt. In West—
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