Full text: Sittlichkeit in Ziffern?

IQ 
Dritter Teil, 
3. Nationale Unterschiede. 
Der Begriff der geschlechtlichen Sittlichkeit ist weder hori- 
zontal noch vertikal, weder über Zeiten, noch durch Völker 
und Klassen hindurch ein gleicher132, Bekanntlich hat man 
bei indischen Bevölkerungen an Festen, Bettagen, aber auch bei 
Besuchen von Gästen, Frauen, auch Ehefrauen, öffentlich oder 
privatim und ad hominem als Gastgeschenke preisgegeben; und 
zwar entweder ohne Recht auf Abweisung seitens des Be- 
schenkten oder doch so, daß dieser die ihm zugedachte Gabe 
nur durch die Leistung eines Gegengeschenkes ablehnen 
konnte133, 
Die christliche Religion und die allgemeine Gesittung haben 
allerdings die Tendenz, die Unterschiede unter den zivilisierten 
Völkern auf ein Minimum ‚zu reduzieren oder vielmehr, sie 
subtiler zu gestalten. Immerhin gibt es doch so etwas, was wir 
als „vergleichende Liebeswissenschaft‘“ ansprechen können. 
Und zwar ist diese Disziplin bereits hohen Alters. Wir erinnern 
nur an das berühmte Gedicht, in welchem Walther von der 
Vogelweide schwört, „daz hie diu wip besser sint, danne ander 
frouwen‘ 134, Wir brauchen ferner nur auf die komparative 
Behandlung der Erotik gegen Ende des 16. Jahrhunderts hin- 
zuweisen, die Michel de Montaigne zum Verfasser hat (Gegen- 
überstellung der groben, sogleich aufs Ganze gehenden impetuo- 
182 Hierüber grundlegend Eduard Westermarck, Ursprung und Ent- 
wicklung der Moralbegriffe, Leipzig 1909, Klinkhardt, Bd. 2, Kap. 30—33. 
188 Marco Polo, I Viaggi in Asia, in Africa, nel mare dell’ Indie de- 
scritti nel Secolo XIII, Venezia 1829, Alvisopoli, vol. I, p. 180, 265. Auch 
Wilhelm Roscher (Die Grundlagen der Nationalökonomie, Stuttgart 1854, 
Cotta, S. 454) tut derlei Sitten Erwähnung. Die Verschiedenartigkeit des 
Begriffs der Geschlechtssittlichkeit dieser Art ist von Hermann Suder- 
mann in seinem Drama „Die Ehre“ (19. Aufl., Stuttgart 1898, Cotta) 
verwendet worden. 
144 Walther v. d. Vogelweide: Deutschlands Ehre (s. z. B. in 
Heinrich Kurz: Geschichte der deutschen Literatur, Bd. I, Leipzig 1864, 
Teubner, S. 60}.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.