Geschlechtskrankheiten.
155
längst nicht auf eine entsprechende Ausdehnung der Ge-
schlechtskrankheiten geschlossen werden darf. Aus Haiti be-
richtet ein französischer Arzt, daß dort die Prostitution riesen-
groß, die venerischen Krankheiten dagegen weniger zahlreich
seien als in Europa. Die Ursache für diese Erscheinung er-
blickt er in dem entwickelten Reinlichkeitssinn der Negerinnen:
„Elles aiment les bains jusqu’a en abuser partout oü coule le
plus mince filet d’eau, et cela attönue le defaut de surveil-
lance‘“287, Eine derartige Auffassung würde jenen deutschen
Ärzten rechtgeben, welche die These verfechten, daß Reinlich-
keit, unter allgemeinen Gesichtspunkten der Volkswohlfahrt ge-
sehen, mehr gelte als Sittlichkeit 28.
Über die Gültigkeit und den Vergleichswert der Hospital-
statistiken muß das Urteil skeptisch sein. Erstens ist das Mate-
rial einer Poliklinik natürlicherweise immer nur ein Ausschnitt
aus dem Kreis der Geschlechtskrankheiten eines Bezirkes, wel-
cher z. B. von der wechselnden Zahl der in der Berichtszeit
praktizierenden Spezialärzte sowie daneben sogar von den
Lebensmöglichkeiten und der Schärfe des Konkurrenzkampfes
innerhalb des ärztlichen Berufs überhaupt abhängig ist. Sicher
gibt sich heute der praktische Arzt viel mehr als vor dem Kriege
mit der Behandlung von Geschlechtskrankheiten ab, weil er
unter wirtschaftlich schweren Existenzbedingungen ‘das Be-
streben hat, alle Krankheiten nach Möglichkeit selbst zu be-
handeln. Zweitens kann natürlich auch die Persönlichkeit der
die Poliklinik leitenden Ärzte von großem Einfluß sein. Über-
dies kann kaum bestritten werden, daß Zeiten wirtschaftlicher
Not oder augenblicklichen Arbeitsmangels imstande sind, auch
die Frequenz der Kliniken und Polikliniken zu vermehren. Ganz
besonders kompliziert aber wird die Vergleichsmöglichkeit
287 Dr. A. Corre, Nos Crö6oles, Paris 1890, Savine, p. 191.
288 Robert Hessen, Glück in der Liebe, München ı911, Langen,
S. 117. — Derselbe, Prostitution in Deutschland, S, 33.