Full text: Sittlichkeit in Ziffern?

Psychische Isolierung. 
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gleichen Landes gerade auf diesem Gebiet außerordentlich 
groß. Es handelt sich hier um eine Frage des Gemütslebens, 
das allerdings durch den utilitaristischen Beweggrund der 
billigeren Lebensführung innerhalb der Familie unterstützt 
werden kann. Wie in Süddeutschland angestellte Unter- 
suchungen ergeben haben, machen dort die Konfektionsarbeite- 
rinnen, die allerdings ob des intermittierenden Charakters ihrer 
Arbeit (Saisonarbeit) in höherem Maße auf die Anlehnung an 
das Elternhaus angewiesen sind, als verdienende Haustöchter 
nicht auf das freie Verfügungsrecht über ihren Erwerb An- 
spruch, ja, es geht ihnen zumeist selbst das Empfinden dafür 
ab, daß ihr Verdienst ihr persönliches Eigentum sei, weil sie 
sich eben als Glied der Familie und somit als Teil eines ge- 
meinsam erwerbenden und gemeinsam konsumierenden Ganzen 
betrachten 52, Das verhält sich bei den Fabrikarbeiterinnen im 
großen und ganzen ebenso 53, In München leben die Fabrik- 
arbeiterinnen, trotzdem sie vielfach nicht dem Verdienst, den 
sie nach Hause bringen, entsprechend behandelt werden, bei 
den Ihrigen, und scheiden nur dann aus der Familie aus, wenn 
mißliche Verhältnisse sie dazu zwingen54, Tendenzen und 
Gegentendenzen sind also nicht zum Stillstand gekommen. 
Immerhin überwiegt, wenn auch von Perioden der Wohnungs- 
not unterbrochen, die Neigung zur Dislozierung der Jugend- 
lichen mit ihren inhärenten Gefahren®, 
52 Marie Baum, 5. 116. 
58 S, 66. 
54 Rosa Kempf, Das Leben der jungen Fabrikmädchen in München, 
Leipzig 191%, Duncker & Humblot, S. 162f£. 
55 Damit ist natürlich nur das seelische Alleinsein als Gefahr angezeigt. 
Das Gegenteil des körperlichen Alleinseins, der ständige körperliche Ver- 
kehr mit den anderen Geschlechtsangehörigen (gemeinsame Arbeit in den 
Fabriken) ist natürlich für die Sitten auch keineswegs gefahrlos. In diesem 
Sinn konnten gute Sozialforscher sogar einzelne Kapitel ihrer Werke mit 
den Worten Avantages du Travail isol6 betiteln. (Jules Simon, L’Ouv- 
riere,. 3. Ausg., Paris 186r, Hachette, p. 60—98.)
	        
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