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Vierter Teil,
günstig ist. Diese Stimmung wird in folgenden Worten sehr
gut wiedergegeben: „Sie sind alle (Urlauber, Studenten, junge
Frauen, Mädchen) willens, während des Krieges sich völlig ein-
zusetzen, zu ertragen und zu darben; zugleich aber fließt in
ihnen eine Unterströmung, die eine naturgemäße Reaktion auf
die notwendige gegenwärtige Hingabe. an die Sache bildet: ein
starker Lebenshunger, ein höchst persönlich gerichteter Frei-
heitswille und ein Drang nach künftiger Selbständigkeit. Sie
lernen jetzt verstehen, was jeder Augenblick, den man wach
erlebt, wert ist; wie man die Zeit abwechselnd zum Schaffen
und Genießen ausnützen muß. Immer wieder hört man von
ihnen: ‚Ich werde, wenn der Friede da ist, viel nachholen
müssen‘ 85a ‘* ;
Unter den hauptsächlichsten Faktoren der unehelichen Ge-
burten der letzten Nachkriegszeit waren ferner außerdem in
den meisten Staaten zu verzeichnen: Stellenlosigkeit, Woh-
nungslosigkeit, Verlust der Pensionen (z. B. bei den Waisen
von Staatsbeamten), Verlust der Witwenrenten (z. B. bei
Offizierswitwen) im Falle der Verehelichung bzw. Wieder-
verheiratung. Daher ergab sich häufig lieber die Verzicht-
leistung auf die Ehe auch bei gleichzeitigem Zusammenhausen.
Immerhin wurden auch hier die ehezerrüttenden Kräfte durch
ehestärkende Kräfte bis zu einem gewissen Grade kompen-
siert, Die Nachkriegsjahre bringen in Deutschland auch ein
weiteres Ansteigen der Legitimationen unehelicher Kinder,
zumal 1920 und 1921, bei der allmählichen Besserung der
wirtschaftlichen Verhältnisse. Auch im Altersausbau der Legiti-
mierten machen sich erfreuliche Veränderungen bemerkbar.
In der Nachkriegszeit steigt der Prozentsatz der legitimierten
Säuglinge von 30—40% auf 50%, ja 1921 auf über 600%
der Gesamtheit der Legitimierten 8°,
85a Leopold von Wiese, „Maski“. Berlin 1919, Flugschriften d. Berl.
Tagebl. V, S. 25. 85b Kasten, S. 43.