Object: 10 Jahre Wiederaufbau

DIE FRIEDENSMISSION DER WIENER FUSSBALLER 
Von Staatsanwalt Dr. Josef Gerö, Präsident des Wiener Fußball-Verbandes. 
Als nach dem Weltkriege unsere Fußballsportler 
aus dem Felde heimkehrten, da fanden sie nicht nur 
eine geänderte Staatsform vor, auch an ihrer Sport- 
Organisation waren die Kriegsjahre nicht spurlos vor- 
übergegangen. Eine große Anzahl aktiver Sportler 
war nicht mehr heimgekehrt und es galt nun, die 
Begeisterung der Jugend für unseren schönen Fuß- 
ballsport zu erwecken und eine neue Sportgeneration 
heranzuziehen, die nicht nur die fußballsportliche 
Tradition Wiens hochhält, sondern ihr auch neue 
Anhänger zuführt. 
In unserer jungen Republik hatte sich alsbald nach 
Kriegsende die Erkenntnis durchgerungen, daß die 
Pflege der körperlichen Ertüchtigung unserer Jugend 
Die Arena der Hohen 
und des Staatsvolkes überhaupt zwar eine staatliche 
Aufgabe ist, doch wurde die Durchführung dieser 
Sminent wichtigen staatlichen Angelegenheit der priva- 
ten Initiative überlassen und so waren es der Wiener 
Fußball-Verband und seine Wiener Vereine, die an 
diese schwere und verantwortungsvolle Aufgabe heran- 
traten und, was nicht zu leugnen ist, hiebei auch einige 
Erfolge erzielten. Wenn auch die wirtschaftlichen Ver- 
hältnisse unserer Stadt bzw. unseres Landes dem 
Ziele das wir uns gesteckt hatten, Schwierigkeiten in 
den Weg stellten, so war es doch immer der gesun- 
de sportliche Sinn und die Begeisterung für unsere 
Sache, die schließlich den Sieg davontrugen. 
Die Fußballbewegung hat in der Nachkriegszeit in 
Wien einen ungeahnten Aufschwung genommen. Die 
Jugend strömte in hellen Scharen unserem erfrischen- 
den Kampfsporte zu, neue Vereine und neue Sport- 
anlagen entstanden, und alles war darnach angetan, 
Wien zu einem führenden Fußballzentrum des Kon- 
inentes zu machen und unsere sportfreudige Jugend 
für den bevorstehenden Fxistenzkampf körperlich zu 
Stählen. Denn der Fußballsport ist wie kein anderer 
Sporizweig geeignet, viele schöne menschliche Tugen- 
den zur Entialtung zu bringen, Rasche Entschlußkraft, 
Disziplin, Unterordnung des Willens des Einzelnen 
unter das Wohl der Gesamtheit sind nur einige der 
schönen Eigenschaften, ohne die unser Fußballsport 
nicht bestehen könnte. - 
Wiens Fußballer waren es auch, die auf völker- 
versöhnendem Gebiete Ersprießliches geleistet haben. 
Zu einer Zeit, da die Wiener in den ehemals feind- 
ichen Staaten trotz geschlossener Friedensverträge 
1och als „Feinde“ betrachtet wurden, haben Wiener 
Fußballer zarte Fäden zu ehemals feindlichen Staaten 
zeknüpft und hiedurch an der Völkerversöhnung 
mitgewirkt. Es sei hiebei nur an das Wettspiel Wie- 
ner Fußballer‘ gegen eine französische Mannschaft 
auf Pariser Boden erinnert, wobei die Wiener zuerst 
einen frostigen Empfang mitmachen mußten, aber sich 
Warte bei einem Ländermatch 
lann derart in die Herzen der Pariser geradezu 
hineinspielten, daß zünftige österreichische Diploma- 
:en bemerkten: „Dieses Spiel hat größere Wirkung 
ür unsere Heimat im Auslande erzielt, als jahrelange 
liplomatische Tätigkeit.“ Wiens Fußballer erfreuen 
sich im Auslande größter Beliebtheit und wo immer die 
3sterreichische oder Wiener Flagge auf den Masten aus- 
wärtiger Sportplätze hochgezogen wird, schlägt ehrliche 
Liebe und Anerkennung den Wienern entgegen. 
Wenn auch nicht verkannt werden soll, daß unsere 
Staats- und Gemeindehbehörden noch wichtigere 
innerpolitische Aufgaben zu lösen haben, so muß den- 
noch gefordert werden, daß Staat und Gemeinde un- 
serer Sportbewegung größere Hi’fe angedeihen lassen. 
Der Wiener Fußball-Verband steht an der Schwelle 
des zweiten Dezenniums des Bestandes unserer Repu- 
blik, mit seinen 160 Vereinen frohen Biickes in die 
Zukunft schauend, von dem heißen Bestreben er- 
üllt, wie bisher dem Fußballsport zu dienen, ihn in 
die weitesten Kreise zu tragen und insbesondere 
unsere Jugend für den gesunden Fußballsport zu 
gewinnen. Wir hegen die zuversichtliche Hoffnung, 
laß uns Staat, Land, Gemeinde und die Öffentlich- 
keit in unserem Bestreben auch künftig unterstützen 
werden.
	        
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