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überall die Wogen der Unzufriedenheit hoch zu gehen, und gegen den
Willen der Führer sah man sich zu einer verfrühten Aktion gezwungen.
Zinovev erzählt, daß eine Besprechung zwischen ihm, Trokki und Lenin
am 5. Juli im Taurischen Palais stattfand. Er schreibt: „Lenin sagte
jäachelnd zu uns: „Wenn wir nun doch versuchten, sofort die Macht zu
ergreifen? Aber,“ fügte er hinzu, „nein, man kann jekt die Macht
nicht erobern. Wir würden keinen Erfolg haben, weil die Leute an
der Front gegen uns sind; sie sind von Liber und Dan irregeführt, die
Front würde eine Petersburger Arbeiterrevolution ersticken.“ 23). In
der Tat miBlang der Aufstand, und Lenin wäre fast während der Nacht
in der Redaktion der „Pravda“ verhaftet worden, die der Zerstörung
anheimfiel. Lenin mußte sich verbergen und wandte sich bald nach
Finnland, um in Sicherheit zu sein. Von hier aus schrieb er seine Ar-
tikel für die ıllegale Presse: „Rabotij Put’“ und „Rabotij‘“. Hier wurde
auch das Buch „Staat und Revolution“ vollendet; besonders sein
Kapitel V bietet einen sicheren Einblick in die Anschauungen Lenins
über die Umwandlung des bürgerlichen Staates in die sozialistische
Gesellschaft. Im Laufe des Juli bemühte sich die Kerenskij-Regierung,
mit allen Mitteln die Bolschewiki auch moralisch unmöglich zu machen.
Das Märchen von der Käuflichkeit Lenins durch die deutsche Regie-
rung unter Vermittlung von Parvus wurde erzählt und zur Grundlage
eines Sensalionsprozesses gemacht, der aber keine wirklich be-
lastende Momente beibringen konnte. Der Kornilow-Putsch ver-
änderte bald die Situation und stärkte nach dem Siege über die
Gegenrevolution die bolschewistische Sache. Um ein zahlenmäßiges
Bild zu geben, sei auf die Verteilung der Parteizugehörigkeit knapp
vor der Oktoberrevolution hingewiesen:
Bolschewiki Menschewiki
Petersburg. ... . . 41000 13 000
Moskau . . . 58 000 30 000
Wolgagebiet . 12 000 8 000
Uralgebiet . . 25 000 11 000
Ostseeprovinzen 14 000 3 000
Donekgebiet . . 16 000 29 000
Kaukasus . .. . . 9000 45 000
Westirußland . . . . — 18 000
Soldaten . 29 000 4 000
Der jüdische „Bund“ zählte rund 13 000 Mitglieder. Es waren also
vorhanden rund je 200 000 Bolschewiki und Menschewiki, aber aus-
schlaggebend für den Gang der Geschichte war, daß in Zentral-
23) Siehe Sinowjew: „N. Lenin.“ Berlin 1920. S. 31.