Deutsche Eigenart und Gemeinschaftsgedanke
Ein jedes Volk hat seine Wesensart, die durch Vergangenheit und
Blutzusammensetzung bestimmt ist. Der deutschen Idealgestalt, dem
deutschen Michel, wird eine gewisse Ungewandtheit und Fremdheit zu—
geschrieben. Diese Fremdheit tritt beim Deutschen überall da auf,
wo ihm Menschen gegenüberstehen, mit denen er eine innere Fühlung
noch nicht besitzt. Der Grund der Fremdheit liegt in dem hohen
Begriff von Freundschaft, welcher dem Deutschen zu eigen ist. Eine
freundschaftliche Bindung an den Mitmenschen ist beim Deutschen
besonders schwer zu knüpfen. Wenn sie aber geknüpft ist, so ist sie
dafür um so fester. Es genügt nicht, diese Feststellungen deutscher
Wesensart für die Beurteilung des Deutschen im engen Kreise des
Privatlebens zugrunde zu legen. Dieser Charakterzug ist so aus⸗
geprägt, daß man ihn vom staatsmännischen Gesichtspunkte der volks—
gemeinschaftlichen Neuordnung ganz besonders beachten muß. Das
große Bismarck-Wort:
„Der Deutsche taugt erst dann etwas, wenn er eine
halbe, besser noch eine ganze Flasche Wein im Leibe hat“,
hat sinnbildliche Bedeutung. Bismarck bringt damit zum Ausdruck,
daß der Deutsche durch irgendeine Triebkraft aus seiner Fremdheit
gelöst werden muß, um seine ganzen Kräfte für höchste Leistungen
einzusetzen. Diese Triebkraft erschien in der deutschen Vergangenheit
meist in Form der Erkenntnis tiefster Not und des Willens, alle Kräfte
zur Aberwindung dieser Not zusammenzuraffen. Wenn das deutsche
Volk vom größten Unglück niedergeworfen war, hat es stets die Kraft
besessen, seine Schwäche zu überwinden und einen mitreißenden Rhyth⸗
mus des Willens aufzubringen. Das Geheimnis dieser unsichtbaren
Kraft ist darin zu suchen, daß die Not den Deutschen zwang, seine
Fremdheit zu überwinden, kalte Formen zu sprengen und sich dem
ureigensten Sinne seines Wesens, dem Gefühl der Gemeinschaft zu—
zuwenden. Solange der geistige Inhalt des Gemeinschaftsgedankens
auch den Inhalt des Staates ausmachte, war der Deutsche mit seinem
Staatswesen auf das innigste verbunden. Sobald aber artfremde
Rechts⸗ und Staatsbegriffe das Sein des Staates von dem seelischen
Leben der Nation trennte, begann die Abneigung des Deutschen gegen
den Staat und die Verwirrung des deutschen Volkstums.
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