568
Viertes Buch. Die Abtrünnigen.
Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die dem gleichen Berufszweige ange
hören, obligatorisch sein. Es soll jedem freistehen, dem Berufsverbande
beizutreten oder nicht, doch darf niemand den Verordnungen des
Berufsverbandes entgegenhaudeln, damit den Mitgliedern keine
Konkurrenz durch Verschlechterung der Arbeitsbedingungen gemacht
werden könne. Heute gilt die Formel: „Freie Assoziation innerhalb
der organisierten Berufe 1 ).“
Wenn die Liberalen sich darüber aufregen, daß einfache private
Genossenschaften gesetzgeberische Macht erhalten sollen, so antwortet
man ihnen, daß die Arbeitsgemeinschaft eine ebenso natürliche
und notwendige Genossenschaftsform sei, — worunter zu verstehen
ist, eine von einer freiwilligen Übereinstimmung der Beteiligten ebenso
unabhängige Genossenschaftsform, — wie die Wohnsitzgemeili
sch a ft. Nun gibt aber jedermann zu, daß alle Einwohner der
gleichen Gemeinde sich dem Gesetz der organisierten Mehrheit unter
werfen müssen. Warum sollte das nun in der Korporation, in
dem Berufsverbande, anders als in der Gemeinde sein? 2 )
Man geht sogar so weit, den Berufsgenossenschaften eine offizielle
politische JRolle zuzusprechen, indem man ihre Organisation zur Basis
eines neuen Wahlsystems macht, zum wenigsten für eine der beiden
Kammern.
Es ist etwas schwierig, — doch auf keinen Fall schwieriger, als
*) Dieses Programm wird besonders in Österreich, einem der Länder, in denen
der soziale Katholizismus ziemlich mächtig ist, empfohlen. Das Zunftwesen ist
dort in Wirklichkeit niemals verschwunden, und man hat seit einigen Jahren ver
sucht, ihm — wenigstens in den kleinen Industrien — ein neues Leben zu geben,
und zwar in der Porm von Zünften mit für alle Mitglieder des Berufs obligatorischen
Statuten.
2 ) „Die erstere (die Gemeinde) ist zu jeder Zeit organisiert gewesen; die zweite
nicht. Warum? In beiden Fällen stellen sich besondere Verhältnisse ein, entstehen
ähnliche Bedürfnisse, treten erzwungene Konkurrenzen, Interessenverbindungen und
-gegensätze auf, eine Gesamtheit von Beziehungen, deren Koordination auf Grund
einer regelmäßigen normalen Ordnung notwendig ist, um alle zu schützen und
einem jeden die Fähigkeit zu gewährleisten, sein Ziel zu verfolgen (Henki Lorin,
Principes de l’organisation professionelle, L’Association Catho-
lique, 15. Juli, 1892).
Man kann hierauf allerdings antworten, daß in der Gemeinde die Mehrzahl den
Ausschlag gibt, während in der freien Korporation dies oft die Minderheit sein würde.
Dem kann andererseits entgegengehalten werden, daß in der Gemeinde die sogenannte
Mehrheit des Gemeinderats, die regiert, oft nur eine Minderheit von Wählern ver
tritt, und noch dazu eine im Verhältnisse zur Gesamtheit der Einwohner viel ge
ringere Minderheit, besonders wenn man die Frauen dazu rechnet, die kein Stimm
recht haben; — und übrigens auch, daß dem Berufsverbande, mit dem Tage, an
dem seine Vorschriften obligatorisch sein würden, ohne Zweifel die Mehrheit und
sogar die Gesamtheit der Arbeiter des betreffenden Berufes angeboren würde.