fullscreen: Neueste Zeit (Abt. 3)

558 
Zweiundzwanzigstes Buch. 
Wie begünstigt das nicht den Poeten! ... Die Vorteile sind 
unermeßlich, wenn ich auch nur das einzige erwähne, daß man 
die zusammengesetzteste Handlung, welche der tragischen Form 
ganz widerstrebt, dabei zum Grunde legen kann, indem diese 
Handlung ja schon geschehen ist und mithin ganz jenseits der 
Tragödie fällt. Dazu kommt, daß das Geschehene, als un— 
abänderlich, seiner Natur nach viel fürchterlicher ist. . Aber 
ich fürchte, der Odipus ist seine eigene Gattung, und es gibt 
keine zweite Spezies davon.“ — Sollte die Erkenntnis der 
dramaturgischen Vorteile der antiken Schicksalsidee unbewußt 
zu schärferem Determinismus getrieben haben? 
Schon die „Wallenstein“-Trilogie ist nach unendlichen Mühen 
schließlich so „organisiert“ worden, daß nur der letzte Teil die 
eigentliche Tragödie enthält und die beiden Dramen vorher 
sich in die soziale und individuale Exposition teilen. 
Erst recht aber ist nach diesem Schema das nächste Drama, 
die „Maria Stuart“, gebaut, und eine Anzahl von Dramen 
der gleichen Zeit, die unvollendet geblieben sind, befolgen 
ebenfalls dieses Schema. Sehen wir für „Maria Stuart“ zu, 
mit welchem Ergebnis. Die Exposition im ersten Akte ist höchst 
einheitlich und vollständig; das ganze Stück drängt sich auf 
die drei letzten Tage der Heldin zusammen; diese steht, eine 
erhabene Person im Sinne der AÄsthetik Schillers, ganz im 
Mittelpunkte der Handlung. Jene gewaltigen Schau— und 
Leidenschaftseffekte werden erzielt, die das Stück noch heute 
zu einem der beliebtesten des Dichters machen. Aber das 
Schicksal wird nur im Hintergrunde gemalt und wirkt durch 
Ereignisse, die weit zurückliegen. „Dadurch werden die Per⸗ 
sonen, die die tödlichen Entscheidungen herbeiführen, Elisabeth 
und Burleigh, gewissermaßen mechanische Werkzeuge in der 
Hand der Nemesis“1. Schon Otto Ludwig hat sich in diesem 
Sinne ausgesprochen: alle Gestalten seien nur Schachfiguren 
der historischen Mächte; durch Katholizismus und Protestan— 
tismus, abstrakte Begriffe, würden sie in Bewegung gesetzt; 
Wuchgram, Schiller S. 319.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.