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Zweiundzwanzigstes Buch.
Wie begünstigt das nicht den Poeten! ... Die Vorteile sind
unermeßlich, wenn ich auch nur das einzige erwähne, daß man
die zusammengesetzteste Handlung, welche der tragischen Form
ganz widerstrebt, dabei zum Grunde legen kann, indem diese
Handlung ja schon geschehen ist und mithin ganz jenseits der
Tragödie fällt. Dazu kommt, daß das Geschehene, als un—
abänderlich, seiner Natur nach viel fürchterlicher ist. . Aber
ich fürchte, der Odipus ist seine eigene Gattung, und es gibt
keine zweite Spezies davon.“ — Sollte die Erkenntnis der
dramaturgischen Vorteile der antiken Schicksalsidee unbewußt
zu schärferem Determinismus getrieben haben?
Schon die „Wallenstein“-Trilogie ist nach unendlichen Mühen
schließlich so „organisiert“ worden, daß nur der letzte Teil die
eigentliche Tragödie enthält und die beiden Dramen vorher
sich in die soziale und individuale Exposition teilen.
Erst recht aber ist nach diesem Schema das nächste Drama,
die „Maria Stuart“, gebaut, und eine Anzahl von Dramen
der gleichen Zeit, die unvollendet geblieben sind, befolgen
ebenfalls dieses Schema. Sehen wir für „Maria Stuart“ zu,
mit welchem Ergebnis. Die Exposition im ersten Akte ist höchst
einheitlich und vollständig; das ganze Stück drängt sich auf
die drei letzten Tage der Heldin zusammen; diese steht, eine
erhabene Person im Sinne der AÄsthetik Schillers, ganz im
Mittelpunkte der Handlung. Jene gewaltigen Schau— und
Leidenschaftseffekte werden erzielt, die das Stück noch heute
zu einem der beliebtesten des Dichters machen. Aber das
Schicksal wird nur im Hintergrunde gemalt und wirkt durch
Ereignisse, die weit zurückliegen. „Dadurch werden die Per⸗
sonen, die die tödlichen Entscheidungen herbeiführen, Elisabeth
und Burleigh, gewissermaßen mechanische Werkzeuge in der
Hand der Nemesis“1. Schon Otto Ludwig hat sich in diesem
Sinne ausgesprochen: alle Gestalten seien nur Schachfiguren
der historischen Mächte; durch Katholizismus und Protestan—
tismus, abstrakte Begriffe, würden sie in Bewegung gesetzt;
Wuchgram, Schiller S. 319.