Die Nachahmung.
117
gewissermaßen bekundenden Widerstand erregt wird!). Auch bei der
Entwicklung des kindlichen Sprechens sind alle diese Antriebe wirksam.
Die neuen Laute, die aus dem Munde der Umgebung vernommen wer-
den, erscheinen als eine Aufgabe, ihre Bewältigung als ein Kampf und
ihre Lösung als eine Befriedigung des Selbstgefühls.
4. Viertens werden besonders eindrucksvolle Vorlagen
von der Nachahmung vor andern Reizen bevorzugt. Solche segßen sich
eben wegen ihrer starken Eindruckskraft im Bewußtsein fest und drän-
gen so zu ihrer Realisierung. Einen Typus dieser Art haben wir bereits
früher in einem andern Zusammenhange ($ 5,3) näher kennen gelernt:
die Nachahmung verehrter Personen. Sie ergab sich aus dem
Verlangen, die verehrte Person sich ganz zu eigen zu machen und die
eigene Persönlichkeit in den Grenzen der Möglichkeit gleichsam mit ihr
zu durchtränken. Dabei eignet man sich dann auch ihre Verhaltungs-
weise nach Möglichkeit an. Diese Nachahmung von innen heraus ist
wohl zu unterscheiden von der rein äußerlichen Nach-
ahmung, die denselben Vorbildern gelten kann. Die legtere hat zum
Ziel nicht die ganze Persönlichkeit, sondern nur eine einzelne direkt mit
der Wahrnehmung erfaßbare äußere Verhaltungsweise, und ihr Motiv
ist nicht die Verehrung, sondern ein äußeres Interesse, etwa der
Wunsch, von dem gesellschaftlichen Ansehen des Nachgeahmten einen
Abglanz für sich zu erhaschen. In diesem Falle braucht der Nach-
geahmte durchaus nicht verehrt zu sein; es genügt vielmehr schon das
bloße Wissen um seine angesehene Stellung. Wenn z. B. der Sonntags-
jäger die Jägersprache und das Jägerkostüm möglichst getreu nachahmt,
so wird es sich in der Regel um den legteren Typus handeln, um ein mehr
oder weniger klares Bestreben, seiner Umgebung durch die neue Art zu
imponieren. Wenn aber der angehende Offizier oder Jurist die spezi-
fischen äußeren Formen seines Kreises getreu wiedergibt, so wird dabei
in der Regel mehr der erste als der zweite Fall vorliegen: das Bild der
neuen Lebensführung hat sich im Bewußtsein so festgeseßt und wird als
so wichtig empfunden, daß es das ganze äußere Verhalten gleichsam zwin-
gend determiniert und in seinen Bann zieht; die Treue der Nachbildung
und ihr Gelingen in allen Einzelheiten erklärt sich viel besser durch die-
sen Mechanismus als durch das bewußte Streben gewisse Einzelheiten
nachzuahmen. Auch bei der Nachbildung der Schrift wird man in erster
Linie nicht an eine Nachahmung der Schreibbewegungen oder gar eine
1) Für die Beispiele vgl. Karl Groos, Spiele der Tiere 1. Aufl., S. 179. —
Derselbe, Spiele der Menschen 1. Aufl., S. 374. — Darwin, Reise um die
Erde, überseöt, Hendelsche Ausgabe S. 215. — Spencer. Soziologie. übersegt, I,
S 105.