Full text: Gesellschaftslehre

120 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
bald ein oder zwei klügere und auch mutwilligere Vögel vor den anderen 
auszeichneten. Sie wurden zu Leitern der Brut, die anderen zu ihren 
Nachahmern. Ihre Gegenwart hebt das allgemeine Niveau der Intelli- 
genz. Man entferne sie, und die anderen würden in ein weniger mun- 
teres, weniger wißbegieriges, weniger unternehmungslustiges Dasein 
zurücksinken.‘“ Aus dieser Beobachtung geht hervor, daß die Nachahmung 
bis zu einem gewissen Grade als Mittel dient, die weniger Intelligenten 
auf den Standpunkt der Intelligenteren zu heben. (Vgl. auch $ 5, 0.) 
Vor allem unentbehrlich aber ist die Nachahmung für die Erhal- 
tung der Kultur, für ihre Überlieferung an die nächste Genera- 
tion. Alles Lernen beruht legthin, sahen wir eingangs, auf Nachahmung, 
während sich eine Belehrung im Sinne eines planmäßigen Unterrichtes 
erst sehr spät entwickelt hat. Bis dahin hat die Menschheit die ganze 
Mühe der Erziehung auf die angeborene Anlage der Nachahmung ab- 
wälzen können. Interessant ist, daß zu dieser Art des Lernens die An- 
fänge bereits in der Tierwelt sich beobachten lassen. Wir besigen eine 
lehrreiche anschauliche Schilderung von einer Marderfamilie, bei der die 
Mutter den Kindern die schwierigsten Sprünge so lange vormachte, bis 
diese sie nach einigem Zögern mit völliger Sicherheit nachzumachen ver- 
mochten‘?). 
Freilich ist bei diesem Mechanismus der Nachahmung die Identität der Resul- 
tate durchaus nicht verbürgt. Der Nachahmende will dasselbe tun wie sein Vorbild, 
aber es ist nicht selbstverständlich, daß er es wirklich leistet. Wenn wir z. B. Laut- 
bilder einer fremden Sprache nachzubilden versuchen, so verfehlen wir bekanntlich in 
der Regel das Vorbild. Man muß daher zwischen Nachahmung der Handlungen und 
Nachahmung des Effekts oder, wie Lloyd Morgan?) sagt, zwischen Nachahmung 
und Kopie unterscheiden. Für die Probleme der Kultur ist namentlich der legtere 
Vorgang wichtig, und es fragt sich, wieweit er tatsächlich erreicht wird. Denn in dem 
Mechanismus der Nachahmung liegt, wie schon gesagt, an sich keine Gewähr für die 
[dentität des Resultats. Es müssen andere Kräfte hinzukommen, um diese zu sichern. 
Eine unentbehrliche Rolle spielt die Kontrolle durch die Gruppe, die z. B. im Be- 
reiche der Sprache, der Kleidung, des Benehmens usw. jede Abweichung mit ihrem 
Spott rügt. Teilweise wirken rein psychische Faktoren in diesem Sinne. Bei 
dem Kinde beobachten wir schon früh eine verhältnismäßig genaue Wiedergabe der 
gehörten Laute, wenigstens bei einem Teil derselben; während das Kind im übrigen 
noch vielfach seine sprachlichen Absonderlichkeiten bewahrt und für die Kontrolle 
durch seine Umgebung noch nicht empfänglich ist. Hier muß man ein besonderes Mo- 
tiv. nämlich eine direkte Freude an der Gleichheit des Resultats, voraussegen?). 
Tatsächlich weicht troödem in vielen Fällen das Nachbild soweit vom Vorbilde 
ab, daß man von einer Nachäffung statt einer Nachahmung zu reden berechtigt 
ist. Es sind dabei freilich wieder verschiedene Typen zu unterscheiden. Kinder äffen 
1) Karl Groos, Spiele der Tiere S. 186. 
2) Instinkt und Gewohnheit S. 190. 
3) Vgl. Karl Groos, Spiele des Menschen! S. 380. Koffka, Die Grund: 
lagen der psychischen Entwicklung S. 223.
	        
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