148 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.
rakteristisch ist bekanntlich der Ausdruck im Zustand leidenschaftlicher
Erregung; aber auch ruhige Stimmungen tun sich in derselben Weise
nach außen hin kund. Und endlich gilt dasselbe von der gesamten inneren
jeweiligen Verfassung, die man an Haltung, Miene und vor allem
an der Stimme, diesem Spiegel der Seele, ablesen kann. Endlich begleitet
die Ausdruckstätigkeit auch die gedankliche Tätigkeit, überhaupt die
Vorstellungstätigkeit, die bei lebhaften Mitteilungen besonders durch
Gebärden illustriert wird; auf tieferen Stufen wird vielfach der gesamte
Leib zum dramatischen Darsteller des Erzählten.
2. Die Bedeutung der Ausdruckstätigkeit kann gar nicht hoch
genug veranschlagt werden. „Neben jenen Einwirkungen des einen auf
den anderen, welche wir durch Worte auszuüben befähigt sind, gibt es
noch gewisse andere Wirkungen, die viel tieferen Ursprungs, viel mächtiger
und in gewissem Sinne auch viel wichtiger sind, die wir aber ganz
unbewußt auf die Gefühle anderer ausüben“, sagt Herbert Spencer mit
Recht von der Ausdruckstätigkeit. Schon früher war die Rede davon,
wie das Verständnis sich zum großen Teil auf dieser Grundlage aufbaut,
und wie Stimmungen, Stellungnahmen und Werthaltungen rein subintelligent
übernommen werden. Ebenso wichtig ist sie für jene Nachahmung
von innen heraus, die wir oben würdigten. Das Erfassen und
Nacherleben einer verehrten Persönlichkeit knüpft an ihre Ausdruckshaltung
und -tätigkeit an: auf diesem Wege wird die ganze Persönlichkeit
übermittelt.
Allgemein kann man sagen, der EindruckeinesMenschen
ist von der größten Bedeutung für das soziale Leben. Dieser Eindruck
in dem hier gemeinten Sinne aber ist unmittelbar durch die anschauliche
Erscheinung des Menschen bestimmt. Der Inhalt
seiner Mitteilungen, das Wissen von seinen Eigenschaften, Leistungen
and Schicksalen und die Rückschlüsse aus alledem sind an‘ Bedeutung
sekundär gegenüber dieser primären Macht der Anschauung. Das gilt
selbst in Verhältnissen, in denen man eine rationalere Beurteilung erwarten
möchte. Ein lehrreiches Beispiel bildet die Beliebtheit oder Unbeliebtheit
der einzelnen akademischen Lehrer. Ein Mann wie Max
Weber, der selbst die besten Erfahrungen gemacht hat, sagt darüber:
„Der Umstand, daß die Studenten einem Lehrer zuströmen, ist in weitzehendstem
Maße von reinen Äußerlichkeiten bestimmt: wie Temperament,
sogar Stimmenfall — in einem Grade, wie man es nicht für möglich
halten sollte‘“!). — Die tatsächlichen Leistungen, das zeigen auch
anderweitige Erfahrungen in überwältigender Fülle, sind oft ohnmächtig
1) Max Weber, Wissenschaft als Beruf. S. 8.