182 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.
animalische Ich kommen verhältnismäßig selten vor. Für die meisten Fälle des
angeblichen Egoismus gelten die schon einmal angeführten Worte Niegsches: „Die
allermeisten, was sie auch von ihrem ‚Egoismus‘ denken und sagen mögen, tun troß-
lem nichts für ihren Egoismus, sondern nur für das Phantom, welches sich in den
Köpfen ihrer Umwelt über sie gebildet und sich ihnen mitgeteilt hat“ (Morgenröte
Nr. 105). Hier kommt die innere Abhängigkeit auch des „egoistischen‘“ Menschen von
ieiner Umgebung treffend zum Ausdruck. Kraft dieser Abhängigkeit hängt das Ge-
leihen des Einzelnen überall von seinen Beziehungen zu seiner Umwelt ab — eine
Tatsache, an der die populären Vorstellungen vom Egoismus zuschanden werden. An
Stelle des Egoismus könnte man eher die Abhängigkeit des Einzelnen von seiner
Umgebung für seine Grundeigenschaft erklären, die sein ganzes Verhalten bestimmt.
In diesem Sinne hat man gesagt: Egoismus, in Schwäche geboren, ist die menschliche
5rundeigenschaft (von Wieser, Macht und Recht S. 34), eine Formulierung, die
freilich immer noch viel zu individualistisch ist. Unter Schwäche wäre dabei der
Mangel jener atomistischen Grundverfassung des Menschen zu verstehen, wie sie die
populäre Theorie des Egoismus annimmt.
Umgekehrt sind Geselligkeitsdrang und Sittlichkeit im höheren Sinne wohl von-
einander zu unterscheiden. Der Mensch geht unter Menschen und verlangt unter
;:hnen zu leben, weil er nur auf diese Weise sein Wesen erfüllen kann genau in
derselben Weise, wie er nach der falschen populären individualistischen Vorstellung
sein Wesen dadurch erfüllt, daß er nur an sein isoliertes, nacktes Ich denkt. Er ahmt
nach, verehrt und gehorcht aus demselben Drang seiner Natur, aus dem heraus er
in anderen Zusammenhängen Verachtung und Schädigung spendet. Insbesondere
ist auch jene impulsive Hilfswilligkeit und jenes triebhafte klettenmäßige Zusam-
menhalten in den engen Gemeinschaftsverhältnissen nicht gleichbedeutend mit der aus
bewußter Leitung des Willens geborenen sittlichen Hingabe der freien Persönlichkeit.
Treffend sagt Baldwin von dem Kinde, das gegen den Schwächeren herrisch bis zur
Grausamkit sein kann und dem Stärkeren gegenüber sich voll Willigkeit, Eifer und
Liebe zeigt: „Das Kind ist nicht altruistisch in irgend einem höheren sozialen Sinne,
aoch geht es mit Bewußtsein Anregungen nach, die eine Zurückdrängung seiner Selbst-
sucht fordern. In Wirklichkeit lebt es sich einfach aus, und zwar auf ebenso natür-
liche Weise wie bei Gelegenheit seiner scheinbaren Selbstsucht“ (Baldwin, Das so-
ziale und sittliche Leben S: 17.) Als Gegenstück sei hier die Äußerung eines durch-
aus naiven Beobachters angeführt. Sie bezieht sich auf die Wohnungsverhältnisse bei
einem Papuastamm, bei dem Eltern oft mit ihren verheirateten Kindern, bisweilen
auch zwei Familien unter einem Dache zusammenleben: „Dieses enge Zusammen-
(eben stellt an die Verträglichkeit der Einzelnen große Ansprüche, und man muß sich
wundern, daß der häusliche Friede verhältnismäßig gut gewahrt bleibt. Kommunis-
mus, Bedürfnislosigkeit und das Abhängigkeitsgefühl des Geduldetseins mögen die
Gründe hierfür hilden.“ (Neuhauss. Dentsch-Neugeuinea IL S. 208)
3. Daß außerdem noch ein echter Instinkt der Gesellig-
keit vorhanden ist, die erlebten Förderungen also diese nur weiter
ausbilden und nicht etwa erst schaffen, haben wir bisher bereits still-
schweigend vorausgeseßt. Zunächst läßt sich für die menschliche Gattung
als Ganzes die Entstehung der Geselligkeit kaum anders erklären als
durch die Annahme eines ursprünglichen Instinktes; denn die fördernde
Wirkung mußte erst erlebt sein, ehe sie als Motiv zur Geltung kommen
konnte. Aber auch für das gegenwärtige gesellschaftliche Leben kann