Die soziale Bildsamkeit der menschlichen Seele. 193
Menschen: der Stil der Vorstellungen, also die ganze Denkweise ist
nach dem Gesagten jedenfalls ganz und gar ebenso sehr durch die Ge-
sellschaft wie durch die angeborenen Eigenschaften der Persönlichkeit
bestimmt.
Zu dem gleichen Ergebnis, daß die Einwirkungen der Gesellschaft
bis in alle Tiefen der Individualität hinabreichen, führt die Analyse des
Mitteilungsvorganges, d. h. des Zusammenhanges zwischen
Ausdruck und Verständnis, die wir Litt verdanken ($ 14,,). Wo dieser
Vorgang entfaltet ist, haben wir früher gesehen, da schmilzt die Selb-
ständigkeit des Individuums: nicht zwei selbständige Erlebnisreihen
laufen nebeneinander ab, sondern es besteht ein einheitlicher einziger
Zusammenhang, in welchem jeder zugleich gibt und empfängt, jeder bei
seinem Kundgeben vom Verhalten seines Partners ganz erfüllt und
„durchdrungen“ ist und seinen Partner in sich trägt, und so jeder mit
dem andern in einer Einheit zusammenklingt. Wir müssen bei jedem der-
artigen Prozeß der Mitteilung ebenso eine Einheit des Stiles
voraussegen, wie bei jeder Reihe von Akten, die ein Individuum für sich
vornimmt. Der Stil aber, der darin herrscht, kann nicht der Stil der
einen Persönlichkeit oder der andern sein: er muß etwas Neues sein, das
in engen Beziehungen zu jenem steht. Er entsteht kraft einer Synthese
von schöpferischem Charakter. Diese läßt eine neue Einheit entstehen,
in der beide Partner aufgehoben sind, d. h. für die deren beide Stile
maßgebend sind, ohne daß man den neuen Stil aus jenen analytisch ab-
zuleiten vermag.
Beide Individualitäten sind also in dem Augenblick der Mitteilung
durch ihren seelischen Kontakt verändert. Wir müssen der menschlichen
Individualität also soviel Plastizität zuschreiben, daß sie einem bildenden
Einfluß des sozialen Verkehrs unterworfen ist. Es fragt sich nun aber:
ist über diese augenblickliche hinaus eine dauernde Um-
gestaltung der Persönlichkeit, ist also außer der Veränderung des je-
weiligen Zustandes auch eine Änderung des Wesens durch den
sozialen Kontakt möglich? Kann also die Individualität in ihrem Wesen
durch den Mitteilungsprozeß gestaltet werden? Die Frage kann für Er-
lebnisse, die die Gestalt eines sozialen Zusammenspielens haben, nicht
anders beantwortet werden, als für solche, die dem einzelnen Individuum
widerfahren. Für diese aber gilt der Say: zum Wesen der Individualität
gehört die Existenz von Anlagen, die sich durch ihre Erlebnisse dauernd
weiter- und umbilden lassen. Je nach der Tiefe des Erlebnisses wird
diese bildende Kraft sehr verschieden sein, so daß wir praktisch unter-
scheiden können zwischen oberflächlichen Erlebnissen, die keine Spur,
und Tiefenerlebnisse, die dauernde Nachwirkungen im Sinne einer
Umgestaltung der Persönlichkeit hinterlassen. Das Entsprechende haben
Vierkandt. Gesellschaftslehre