194 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft,
wir auch für die sozialen Erlebnisse anzunehmen: gehen diese tief ge-
aug, so müssen auch sie gestaltend auf die beteiligten Persönlichkeiten
wirken. Auch auf diesem Wege kommen wir also zu dem Ergebnis, daß
die Einwirkungen der Gesellschaft unter geeigneten Verhältnissen bis
in die tiefsten Schichten der Persönlichkeit hineinreichen.
Die hier in Rede stehende Gestaltung des Ich durch seinen sozialen
Partner haben wir für einen besonderen Fall bereits früher erörtert,
nämlich für den Fall der aus Verehrung erzeugten Nachbildung der Per-
sönlichkeit ($ 5,3). Hier wird die verehrte Persönlichkeit ganz in die
eigene hineingenommen, diese demgemäß nach Möglichkeit jener an-
geglichen; nur auf die Gegenseitigkeit, die auch hier nicht fehlt,. hin-
zuweisen, war damals kein Anlaß. Übrigens erstreckt sich in diesem Fall
die Beeinflussung der eigenen durch die andere Persönlichkeit über die
Dauer des persönlichen Kontaktes hinaus, da die eine Persönlichkeit sich
in der Phantasie der andern gleichsam festseßt und so als dauerndes
Vorbild wirkt. Doch gilt ein derartiges Überschreiten der Dauer der
persönlichen Berührung allgemein von der hier in Rede stehenden Be-
einflussung, sofern diese tief genug dringt. Irrig wäre nur die Vorstel-
lung, die dem Standpunkt eines konsequenten Individualismus ent-
sprechen würde, daß die Seele bei der Berührung zunächst nur in ruhen-
der Verfassung Einwirkungen aufnimmt und lediglich nachträglich mit
diesen abrechnet. Eine solche Auffassung kann wohl konstruiert werden,
verträgt sich aber nicht mit der Zergliederung des unmittelbaren Erleb-
nisses.
Fassen wir also zusammen, so erweist sich die menschliche Indi-
vidualität als bildsam nach ihrem Stil, nach dem ganzen „Wie“ ihres
Verhaltens. Dieses wird nicht durch seine Anlagen allein bestimmt, son-
dern es wird die Persönlichkeit durch ein Zusammenwirken von Anlagen
and sozialer Umgebung gebildet. Schon aus der früher festgestellten
allgemeinen Tatsache der inneren Verbundenheit ergibt sich dieses Re-
sultat mit Notwendigkeit: hat die Seele, wie wir sahen, im Sozialleben
offne Tore, so muß sie auch die Persönlichkeit anderer mehr oder weni-
zer in sich aufnehmen und in der Entwickelung ihrer Anlagen durch sie
bestimmt werden.
17. Der historische Charakter des menschlichen
Seelenlehens.
Inhalt: Auch auf ihre Bewußtseinsinhalte hin betrachtet wird die mensch-
liche Seele durch ihre Umgebung (speziell durch ihre kulturelle Umwelt) weit über
das von den geläufigen Anschauungen angenomenene Maß hinaus bestimmt. Als ur-
sprünglich dem Individuum eigen und damit konstant im geschichtlichen Wechsel er-