Full text: Gesellschaftslehre

Gemeinschaftsnahe und gemeinschaftsferne Verhältnisse. 247 
auch von dem Gegensag warmer und kalter (nämlich „sachlicher“) Be- 
ziehungen sprechen. Wir fügen nun noch eine kleine Ergänzung 
hinzu, indem wir noch auf einen weiteren Typus hinweisen, den man 
auch als eine Unterart oder einen Grenzfall des ersteren Typus auffas- 
sen kann. Bei dem Typus der persöflichen Beziehungen, zu dem wir bis- 
her nur die Gemeinschaftsverhältnisse und gemeinschaftsnahen Verhält- 
nisse gerechnet haben, haben wir bisher stillschweigend vorausgesegt, daß 
seine Beziehungen einen durchaus positiven Charakter tragen, 
daß sie durch Liebe und Achtung, Hilfsbereitschaft und Sympathie ge- 
kennzeichnet sind. In Wirklichkeit existiert noch ein anderer Typus, bei 
dem die bestehenden Beziehungen den entgegengesetöten Charakter tra- 
gen und den man doch nicht zu den sachlichen Verhältnissen rechnen 
kann. Er tritt da auf, wo die Kampfhaltung mit dem Affekt des Zornes 
und die Kampfgesinnung mit ihrer Feindseligkeit herrscht, zu denen 
unter Umständen noch der Haß hinzutritt. Wir segen dabei freilich vor- 
aus, daß diese Haltung wirklich einen persönlichen Charakter trägt. 
Denn es gibt auch eine sachliche Feindschaft und einen sachlichen Haß, 
bei denen die Person gleichgültig ist und nur eine „Sache“ das Objekt 
der Haltung bildet; das moderne Leben ist auf dem geistigen, wirtschaft- 
lichen und politischen Gebiet reich genug an solchen Fällen. Hier aber 
denken wir an den anderen besonders außerhalb unserer abstrakten Zu- 
stände viel häufigeren Fall, daß die Spannung empfunden und der 
Kampf geführt wird mit der ganzen persönlichen Leidenschaft. Dann ist 
von der Kühle der sachlichen Beziehungen hier nicht die Rede. Es be- 
steht vielmehr eine eigentümliche Wärme, die aber nicht die Wärme der 
positiven gemeinschaftsnahen Beziehungen ist, sondern einen dritten Ty- 
pus für sich bildet. Man könnte von einem negativen gemein- 
schaftsnahen Verhältnis sprechen. Denn es segt dieser Ty- 
pus in einem gewissen Sinne das „ursprüngliche“ Bestehen einer positi- 
ven gemeinschaftsnahen Beziehung voraus: gingen sich die Menschen gar- 
nichts an, warum sollte dann ihre Leidenschaft so heiß auflodern? Was 
hier gemeint ist, erläutern gut die folgenden Worte Pfänders aus einer 
phänomenologischen Analyse der feindseligen Gesinnung: „Außer der 
zentrifugalen Gefühlsausströmung von ägßender Virulenz finden wir bei 
der Haßregung noch eine innere Entzweiung des Ich mit der gehaßten 
Person. Auch streckt sich das Ich zunächst hin zu der gehaßten Person 
bis zur Berührung, während der Strom des Hasses ägend auf die Person 
hinstrahlt. Dann aber erfolgt eine eigentümliche innere Ablehnung 
gegen den andern, eine innere Entzweiung‘“!). Allgemein können wir 
sagen, das hier gemeinte Verhältnis segt eine ursprüngliche Einigung vor- 
1) Jahrbuch f. Philos. u. phänom. Forschung I, 367.
	        
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