Full text: Gesellschaftslehre

Gegenseitige Hilfsbereitschaft. 
381 
auch an die Gelegenheit zu positiver Förderung (und zwar nicht nur der 
Einzelnen, sondern auch der Gruppe) denkt. Der Begriff der Förderung 
ist dabei im weitesten Sinne zu nehmen, so daß er also nicht nur bio- 
logische, sondern auch soziale und geistige Güter umfaßt. 
Je nach den äußeren Verhältnissen der helfenden und der geförder- 
ten Genossen zueinander kann man verschiedene Typen unseres Ver- 
haltens unterscheiden. Die reinste Form unseres Typus stellt der Fall 
dar, daß die Gruppenmitglieder, alle auf einmal in die gleiche Aufgabe 
hineingestellt, sich gegenseitig zu fördern bestrebt sind. Hierhin gehört 
z. B. die Situation eines kriegerischen Kampfes oder die Überwindung 
eines schwierigen Terrains bei dem Marsch einer Gruppe, bei der sich 
alles gegenseitig hilft. Eine Abart dieser Form wird durch die gemein- 
schaftliche Unterordnung unter eine sachliche Forderung dargestellt, 
deren Erfüllung dem Gruppenwohl dient. Bei einem Andrang an einem 
Schalter sehen wir so die Wartenden von selbst sich in eine Reihe ordnen, 
wodurch jeder vor der Gefahr eines übermäßigen Zeitverlustes bewahrt 
und der Möglichkeit eines Streites vorgebeugt wird. Weiter kann die 
Gegenseitigkeit statt gleichzeitig auch nacheinander verwirklicht werden. 
Diesen Fall finden wir bei der Bittarbeit der Naturvölker und unserer 
Bauern, überhaupt bei jeder Leistung, die reihum geht. Ohne scharfe 
Grenze geht dieser Typus über in denjenigen der einseitigen Hilfeleistung 
mit allgemeiner fördernder Rückwirkung. Ein gutes Beispiel für ihn 
bildet der früher erwähnte Fall der kollektiven Abwehr eines drohenden 
Justizmordes. Es gehören zu ihm überhaupt alle die Fälle, in denen ein 
Teil der Genossen zur dauernden Passivität verurteilt ist. So werden bei 
Krankheit und Massenübeln die Geförderten häufig nicht in der Lage 
sein, die empfangene Leistung später zu erwidern. 
Den vorstehend begründeten Sag, daß die gegenseitige Hilfsbereit- 
schaft gebunden ist an die Existenz einer aus ihr fließenden Förderung, 
darf man nicht umkehren und etwa annehmen, die bloße Einsicht in den 
Nuben einer gegenseitigen Hilfe und eines entsprechenden Zusammen- 
schlusses (gleichviel ob dieser bis zur Gemeinschaft führt oder nicht) ge- 
nüge bereits, um beide zu erzeugen. Schon die Beobachtung des täglichen 
Lebens warnt vor einem derartigen Rationalismus. Wie oft beobachtet 
man bei Zwistigkeiten in der Familie oder in der Verwandtschaft, eben- 
so bei dem politischen Streit und Kriegen zwischen den europäischen Kul- 
turstaaten das Gegenteil, nämlich ein gegenseitiges Zerfleischen, da wo 
der Vorteil des entgegengesegten Verhaltens auf der Hand liegt. Alle 
Warnungen der Friedensfreunde z. B. vor der Selbstvernichtung, die ein 
europäischer Krieg in der Gegenwart für alle Staaten bedeuten würde, 
sind ungehört verhallt, obwohl der Erfolg ihnen recht gegeben hat. Diese 
Tatsache stimmt zunächst gut zu dem Sat, daß für das Entstehen der
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.