Gegenseitige Hilfsbereitschaft.
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auch an die Gelegenheit zu positiver Förderung (und zwar nicht nur der
Einzelnen, sondern auch der Gruppe) denkt. Der Begriff der Förderung
ist dabei im weitesten Sinne zu nehmen, so daß er also nicht nur bio-
logische, sondern auch soziale und geistige Güter umfaßt.
Je nach den äußeren Verhältnissen der helfenden und der geförder-
ten Genossen zueinander kann man verschiedene Typen unseres Ver-
haltens unterscheiden. Die reinste Form unseres Typus stellt der Fall
dar, daß die Gruppenmitglieder, alle auf einmal in die gleiche Aufgabe
hineingestellt, sich gegenseitig zu fördern bestrebt sind. Hierhin gehört
z. B. die Situation eines kriegerischen Kampfes oder die Überwindung
eines schwierigen Terrains bei dem Marsch einer Gruppe, bei der sich
alles gegenseitig hilft. Eine Abart dieser Form wird durch die gemein-
schaftliche Unterordnung unter eine sachliche Forderung dargestellt,
deren Erfüllung dem Gruppenwohl dient. Bei einem Andrang an einem
Schalter sehen wir so die Wartenden von selbst sich in eine Reihe ordnen,
wodurch jeder vor der Gefahr eines übermäßigen Zeitverlustes bewahrt
und der Möglichkeit eines Streites vorgebeugt wird. Weiter kann die
Gegenseitigkeit statt gleichzeitig auch nacheinander verwirklicht werden.
Diesen Fall finden wir bei der Bittarbeit der Naturvölker und unserer
Bauern, überhaupt bei jeder Leistung, die reihum geht. Ohne scharfe
Grenze geht dieser Typus über in denjenigen der einseitigen Hilfeleistung
mit allgemeiner fördernder Rückwirkung. Ein gutes Beispiel für ihn
bildet der früher erwähnte Fall der kollektiven Abwehr eines drohenden
Justizmordes. Es gehören zu ihm überhaupt alle die Fälle, in denen ein
Teil der Genossen zur dauernden Passivität verurteilt ist. So werden bei
Krankheit und Massenübeln die Geförderten häufig nicht in der Lage
sein, die empfangene Leistung später zu erwidern.
Den vorstehend begründeten Sag, daß die gegenseitige Hilfsbereit-
schaft gebunden ist an die Existenz einer aus ihr fließenden Förderung,
darf man nicht umkehren und etwa annehmen, die bloße Einsicht in den
Nuben einer gegenseitigen Hilfe und eines entsprechenden Zusammen-
schlusses (gleichviel ob dieser bis zur Gemeinschaft führt oder nicht) ge-
nüge bereits, um beide zu erzeugen. Schon die Beobachtung des täglichen
Lebens warnt vor einem derartigen Rationalismus. Wie oft beobachtet
man bei Zwistigkeiten in der Familie oder in der Verwandtschaft, eben-
so bei dem politischen Streit und Kriegen zwischen den europäischen Kul-
turstaaten das Gegenteil, nämlich ein gegenseitiges Zerfleischen, da wo
der Vorteil des entgegengesegten Verhaltens auf der Hand liegt. Alle
Warnungen der Friedensfreunde z. B. vor der Selbstvernichtung, die ein
europäischer Krieg in der Gegenwart für alle Staaten bedeuten würde,
sind ungehört verhallt, obwohl der Erfolg ihnen recht gegeben hat. Diese
Tatsache stimmt zunächst gut zu dem Sat, daß für das Entstehen der