Gegenseitige Hilfsbereitschaft.
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dem folgenden Urteil des Ethnographen Nansen über die gegenseitige
Hilfsbereitschaft der Eskimo: „Ein hartes Leben hat die Eskimo gelehrt,
daß selbst dann wenn er ein geschickter Jäger ist und in der Regel sich
gut erhalten kann, doch Zeiten kommen, in denen er ohne die Hilfe
seiner Kameraden umkommen würde. Daher ist es besser für ihn, im
Notfalle auch seinerseits zu helfen“!). Wie so häufig hat hier der Ratio-
nalismus aus richtig beobachteten Tatsachen falsche Schlüsse gezogen.
Die fördernde Wirkung der Solidarität ist an sich, abgesehen von der
Verengung auf den Begriff des Nugens, richtig beobachtet, übersehen
aber ist, daß sie nicht in jedem einzelnen Falle und für jede einzelne
Person zutrifft. Ein adeliger Offizier, der bei der Verteidigung seines
Landes im Kampfe fällt, mag durch dieses Verhalten seinen Standes-
genossen Vorteile sichern, aber von einem eigenen Nugen kann natürlich
nicht die Rede sein. Ebensowenig brauchte der leidenschaftliche Kampf,
den Zola gegen die unschuldige Verurteilung des Kapitäns Dreyfuß
führte, ihm selber im Bereiche der Sicherheit der Rechtsprechung zugute
zu kommen. Ebenso kann die aufopfernde Tätigkeit, die jemand im
Interesse seiner Partei entfaltet, dieser selbst nüßglich sein, ohne ihn per-
sönlich zu fördern. Man kann überhaupt nicht in jedem ein-
zelnen Fall von Förderung sprechen, sondern nur der Verhal-
tungsweise im ganzen diese Wirkung nachsagen; und ebenso
kommt diese Förderung nicht jedem Einzelnen, insbesondere nicht immer
dem jeweilig Handelnden, sondern nur dem Ganzen oder den meisten
zugute. An diesen Tatsachen scheitert, von allem anderen abgesehen, die
rationalistische Erklärung. Es bleibt nur übrig, auf die angeborene An-
lage des Hilfstriebes zurückzugreifen. In der Sprechweise des täglichen
Lebens klingt die alte rationalistische Erklärungsweise der Solidarität
häufig noch mehr oder weniger an. So wird der Zusammenschluß von
Menschen zu einer Gruppe gern damit erklärt, daß ihnen angesichts der
drohenden Gefahr eben nichts anderes übrigbliebe, daß sie sonst unter-
gehen würden usw. Natürlich ist es aber nicht selbstverständlich, daß
eine Gruppe nicht untergeht, sondern auch dieses teleologisch durchaus
begreifliche Verhalten bedarf einer Kausalerklärung. Letgthin muß sich
alles Zweckmäßige im gesellschaftlichen Leben auf angeborene Anlagen
und deren Entfaltung zurückführen lassen.
Ein populärer Sprachgebrauch spricht in den vorstehenden Fällen
gern vom Kollektivegoismus. Bei der Würdigung dieses Sprach-
gebrauchs muß man unterscheiden, ob bei der Behauptung dieses Egois-
mus an den Einzelnen oder an die Gruppe gedacht ist. Für die Gruppe
1) Zitiert bei Westermarck ‚ Ursprung und Entwicklung der Moralbegriffe
I. 463.
Vierkandt. Gesellschafreslehre