Full text: Gesellschaftslehre

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Die Gruppe. 
einheitliche Masse aufzufassen. Eine Erklärung der Entstehung der Sitten, die in dieser 
Auffassung wurzelt, können wir als eine psychologische oder als eine individua- 
listische bezeichnen: sie kann die Entstehung von Sitten lediglich auf Kräfte 
zurückführen, die in den Einzelnen als solchen wirksam sind, also auf Neigung und 
Gewohnheit 1). Bei der Frage nach der Entstehung der Sitten wiesen wir oben 
($ 44,,) auf den Gegensag von Führenden und Geführten als eine wesentliche Grund- 
lage des Prozesses hin: jegt sehen wir, daß es sich dabei schon um eine Gliederung 
zweiter Ordnung handelt, daß ihr nämlich eine Gliederung erster Ordnung in Han- 
delnde und Zuschauer vorausgeht und nur die legteren noch einmal in der erwähnten 
Weise gegliedert zu denken sind. 
Die Wirkung des geschilderten Mechanismus reicht sehr weit. Zu- 
nächst gibt es wahrscheinlich keine Sitte, die allein aus der Neigung oder 
Gewohnheit ohne Mitwirkung eines Druckes der Gruppe hervorgegangen 
wäre. Sie erstreckt sich ferner über das Bereich der Sitte in dasjenige 
der individuellen Sittlichkeit und der allgemeinen individuellen Tüchtig- 
keit überhaupt hinein. Der Gegensag zwischen der Neigung des Han- 
delnden sich in gewissen Grenzen gehen zu lassen und der Forderung der 
Zuschauer sich zusammenzunehmen durchzieht unser ganzes Leben. 
Allgemein kann man sagen: der Zuschauer urteilt strenger als der Han- 
delnde. Eltern verlangen von ihren Kindern, Lehrer von ihren Schülern, 
Vorgesegöte von ihren Untergebenen manches, was zu vollbringen sie sel- 
ber schwerlich imstande wären und was unter ihrem Druck‘ dann von den 
Abhängigen doch vollbracht wird. Bei den eben genannten Beispielen 
waren die Rollen fest verteilt. In anderen Fällen wechselt sie, wie bei 
Ehegatten, Freunden und Kollegen. Auch gemeinschaftliche Schwächen 
können so überwunden werden, indem fortgesegt der eine den anderen 
antreibt und der Antreiber sich vor seinem Partner seiner Schwäche 
schämt. Zwei schüchterne, mutlose Menschen können durch gegenseitige 
Anfeuerung zu Helden werden. 
Weitere Ausführungen über die „Umbiegung“ der Neigung durch den Gruppen- 
druck (und andere Kräfte) in meiner vorhin angeführten Abhandlung in der Zeit- 
schrift für Sozialwissenschaft N. F., Bd. III, S. 233 fg. Hier nur ein paar Beispiele 
als Andeutung. Wenn viele Indianer sich gefangene Tiere .halten, so daß ein In- 
dianerdorf einer Menagerie gleicht, so mag die Neigung zu den Tieren zur Erklärung 
genügen. Wenn aber im Sudan Fürsten förmliche Tiergärten voll jung gefangener 
Raubtiere halten, so fragt sich: ist die eigene Neigung oder die Bewunderung der Zu- 
schauer die Haupttriebkraft? Ebenso bei der Kunstpflege der modernen Staaten: ist 
Liebe zur Kunst oder Hoffnung auf Mehrung eines gewissen nationalen Ansehens das 
Haupimotiv des Gruppenwillens? Ähnlich ist es mit dem Ausdruckscharakter mancher 
Sitten bestellt. Wenn etwa bei der Reifefeier bei manchen Naturvölkern eine förm- 
liche Wiedergeburt anschaulich zur Darstellung gebracht wird, indem die jungen Leute 
irgendwie verschlungen und wieder ans Tageslicht gebracht werden, so ist der nächste 
1) Vgl. meine Ausführungen in der Zeitschr. f. Sozialwissenschaft N. F., Bd. III 
S. 253 fe.
	        
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