Die Bedeutung des objektiven Geistes.
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Arbeitsteilung bei den modernen Maschinen angeführt. Hier liegt die Wirksamkeit
anserer beiden Funktionen ebenfalls auf der Hand.
Endlich ist noch eine weitere Wirkung der Objektivgebilde anzu-
führen: sie wirken entlasten d auf die Personen. Für das Gebiet des
Handelns ergibt sich dieser Say aus der Überlegung, daß ein aus dem
Innern quellendes Handeln unter gleichen Umständen meist mehr Ener-
gie verlangt als ein solches, zu dem man von außen angeregt oder ge-
drängt wird. Wir können in dieser Beziehung unterscheiden zwischen
einem aktiven und einem reaktiven Verhalten des Menschen: das erstere
fällt ihm verhältnismäßig schwer wenigstens schwierigeren Aufgaben
gegenüber, denen gegenüber das bloße Funktionsbedürfnis nicht hin-
reicht; das legtere wird ihm verhältnismäßig leicht. Die Wirkungen
der Objektivgebilde kann man in dieser Beziehung vergleichen mit den-
jenigen der führenden Individuen auf die geführten: der Führer, haben
wir früher gesehen ($ 5), wirkt durch sein Vorbild polarisierend auf die
Geführten, gibt ihnen Kräfteimpulse, deren sie aus sich heraus nicht
fähig wären, und hebt sie dadurch über ihr eigenes Ich hinaus. Wenden
wir uns jegßt z. B. dem Gebiet der Intelligenztätigkeit zu, so wird von der
populären Meinung immer noch verkannt, wie anstrengend jede Denk-
tätigkeit noch auf der Höhe unserer Kultur ist. Den hohen Anforderun-
gen der Wissenschaft wäre in dieser Beziehung kein Mensch gewachsen,
wenn er dabei auf seine eigenen Kräfte im Sinne der bloßen natür-
lichen Anlagen oder ihrer Ausbildung durch das außerwissenschaftliche
Leben beschränkt wäre. Tatsächlich kommt ihm jede Wissenschaft aber
zur Hilfe mit den vorhin angedeuteten Verdichtungen, die in allen Be-
griffen, geläufigen Urteilen und Urteilsverbindungen enthalten sind. Im
höchsten Maße übt die Mathematik diese Funktion der Entlastung
aus: daß in dieser Disziplin „wahre Türme von Gedanken und tausend-
Fältig ineinandergreifenden Gedankenverbänden mit souveräner Freiheit
bewegt und durch Forschung in immer sich steigernder Komplikation ge-
schaffen werden“, das vermag nur „Kunst und Methode. Sie überwin-
den die Unvollkommenheiten unserer geistigen Konstitution“. Alle diese
Vorkehrungen „erwachsen aus gewissen natürlichen ökonomischen Pro-
zessen“, indem die Tätigkeit des Forschers „kompliziertere, aber auch
unvergleichlich leistungsfähigere Denkmaschinen herstellt, als es die
natürlichen sind“, die einmal geschaffen in jedem Einzelfall sozusagen
mechanisch benugßt werden!). .
Indem aber die Objektivgebilde den Menschen gewisse Aufgaben ab-
aehmen, stellen sie sich gewissermaßen über sie. Diesen Ge-
danken wollen wir hier noch etwas weiter verfolgen. Die Objektiv.
1) Husser], Logische Untersuchungen I. 198.
Vierkandt, Gesellschaftslehre.