Die Familie.
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Vorfahren die Hilfe und die Kraft, deren er hier bedurfte. Der Lebende konnte des
Toten und dieser des Lebenden nicht entbehren. So knüpfte sich ein starkes Band
zwischen allen Generationen einer und derselben Familie und schuf hier ein ewig un-
zertrennbares Ganzes.“ Auch in manchen Reisewerken wird die Gegenseitig-
keit der Beziehungen stark betont, Freilich beziehen sie sich auf einfachere
Formen des Ahnenkultus, in denen dieser sich erst in seinen Anfängen zeigt (und da-
mit auf Formen der Familie, die mehr dem gleich zu erörternden Typus der Sippe
als dem der patriarchalischen Großfamilie entsprechen): „Man dient den Ahnengeistern,
weil man sie fürchtet und doch wieder Nugßen von ihnen erwartet“, heißt es in einer
Quelle von den Battak auf Sumatra. Von den angesehenen Familien, die durch be-
sondere Festlichkeiten ihren Ahnen im Geisterreich zu einer bevorzugten Stellung ver-
helfen, sagt derselbe Autor: „Man vollzieht diese Erhebung nicht sowohl aus Pietät,
sondern, von der Schaustellung des eigenen Reichtums bei der Festlichkeit abgesehen,
um einen gefügigen Helfer in allen Nöten und einen Schugögeist in der Familie zu
haben. Es geht dabei immer nach dem Motto: Do ut des!).“ Ähnlich äußert sich ein
anderer Autor über die Dschagga am Kilimandscharo, bei denen sich ebenfalls An-
fänge eines Ahnenkultes zeigen: „Mit ihrer Macht beherrschen die Toten die Leben-
den, bringen Krankheit und Heilung und holen sie endlich nach in die Unterwelt, und
dabei bleibt es doch die erste Vorbedingung ihres Daseins, daß Lebendige in der Welt
seien, die für sie opfern.“ In ganz naiver Weise kommt hier der Gedanke der gegen-
seitigen Abhängigkeit zum Durchbruch in der Unterscheidung verschiedener Arten der
Geister. Neben denjenigen Geistern, die dem Gedächtnis der Lebenden noch voll gegen-
wärtig sind und die volle Verehrung finden, steht eine zweite Gruppe von Geistern,
die aus den älteren im Gedächtnis schon absinkenden Generationen gebildet sind und
die „schwach und alt geworden durch die anderen Geister von den Opfern zurückgehal-
ten“ werden; und hinter ihnen kommt noch eine dritte Schicht der Geister: „Sie haben
gar keine Beziehungen mehr zu den Menschen und der Oberwelt.“ Sie bekommen
keine Opfer mehr und von ihnen nimmt man an, daß ihr Leben aus ist?). Es geht
hier also ähnlich zu wie bei einem Offizierkorps oder einer studentischen Verbindung:
diejenigen, die ausscheiden, finden keine Beachtung und Teilnahme mehr; nur daß sich
dieser Vorgang hier stufenweise vollzieht. Solange das Gedächtnis der Verstorbenen
noch lebendig ist, erwartet man in hohem Maße Hilfe von ihnen und bringt ihnen
die entsprechenden Opfer dar. In dem Maße, in dem ihr Gedächtnis verblaßt, hören
sie auf dem Kreise der Gemeinschaft anzugehören; die Erwartung der Hilfe und der
Kultus vermindern sich entsprechend in wechselseitigen Zusammenhängen.
Wenn die Quellen in derartigen Fällen vielfach die Auffassung vertreten, daß das
Verhalten des Menschen bei dem hier gemeinten Typus lediglich durch Furcht und den
sogenannten Egoismus bestimmt werde, von einer Liebe und Verehrung aber keine
Spur in sich trage, so darf diese Auffassung hier so wenig wie sonst im religiösen
Leben als richtig gelten: sie verwechselt die reine Selbstfürsorge mit dem Solidaritäts-
verhalten innerhalb der Gemeinschaft. Es ist klar, daß hier eine Gemeinschaft be-
steht, die diejenige der Familie über das Grab fortsegt. Eigenfürsorge mag sich ge-
legentlich einmischen, ist jedoch dann nur eine Oberflächenkraft. Übrigens wird man
das Verhältnis zwischen den Gläubigen und ihren Göttern allgemein als ein Ge-
meinschaftsverhältnis auffassen können. So besteht beim Totemismus
\ Warneck, Die Religion der Battak S. 21 und 17.
2 Gutmann, Dichten und Denken der Dschagga-Neger S. 142. Vgl. auch
Thurnwald, Die Gemeinde der Bänaro S. 59 und Le&vy-Bruhl. La mentalite
nrimitive S. 69. 77, 82. 195 u. a. St.