472 Die wichtigsten historischen Formen der Gruppe.
hier aus in Angriff nimmt, zu der Vermutung kommen, daß die herr-
schaftliche Organisation sich auch ohne Eroberung auf stetigem Wege
aus der genossenschaftlichen entwickeln kann?!). Freilich ergibt sich da-
bei auch ein ziemlich enger Zusammenhang zwischen der Stärke der poli-
tischen Organisation und derjenigen der kriegerischen Tätigkeit. Im
ganzen kommt man nicht über die Möglichkeit hinaus, daß es verschie-
dene Wege zur Entstehung des Staates gibt.
Franz Oppenheimer, der bekanntlich mit dem größten Nachdruck die Theorie
von der ausschließlichen Entstehung des Staates durch Eroberung vertreten hat, scheint
sich in seiner legten Darstellung, wenn wir ihn richtig verstehen, diesem Gedanken
nicht zu entziehen. In seiner Darstellung der verschiedenen Stufen des Staates spricht
er wenigstens von einer niedrigen Stufe desselben, die bereits stammesfremde Ele-
mente in Gestalt von Sklaven enthält, aber noch keine Eroberungsvorgänge über sich
hat ergehen lassen?). Insbesondere weist Oppenheimer selbst auf die eben erwähnten
von Max Schmidt untersuchten Verhältnisse bei den Aruaken Südamerikas hin. Aller-
dings spielt die Annahme stammesfremder Elemente für sein System eine unentbehr-
liche Rolle, weil dadurch dessen Grundgedanke gerettet wird, daß durch eine rein
innere Entwicklung eine so starke gesellschaftliche Differenzierung, wie sie der Staat
im engeren Sinne in seinem Gegensag zwischen Ober- und Unterschicht enthält, nicht
hervorgerufen werden kann.
Der eben erwähnte Gedanke, daß die Entstehung des Staates als eine lange und
allmähliche Entwicklung vorzustellen ist, kommt mit erhöhtem Nachdruck zur Geltung
für die Frage nach der Entstehung des Staates, wenn wir diesen Begriff
im weiteren Sinne nehmen. Die genossenschaftliche politische Organisation
ist in der Tat universell verbreitet; selbst scheinbare Ausnahmefälle dürften von
deren Keimen nicht frei sein. Auch die deduktive Betrachtung kommt zu demselben
Ergebnis: das Bedürfnis nach Führung, einheitlicher Leitung und Organisation liegt
tief in der menschlichen Natur, ebenso tief der Gegensag zwischen führenden und ge-
führten Individuen in ihr begründet ($ 4, 5, 24, 29). Die Einheit des gesellschaft-
lichen Lebens ferner, um die Sache noch von einem anderen Gesichtspunkte aus zu
beleuchten, ist nicht der Einzelne, sondern die Gruppe. Vom Gruppenleben ist aber
wiederum das Bedürfnis nach einheitlicher Leitung und nach Selbständigkeit nach
außen, d. h. schließlich das Bedürfnis sowohl der Suprematie wie der Autonomie nicht
zu trennen. Alles das weist darauf hin, daß die Anfänge der politischen Organisation
bis in die Anfänge der Menschheit zurückreichen.
Freilich ist die Stärke dieser Organisation ursprünglich als sehr gering vorzu-
stellen: der politische Wille löst sich zunächst noch wenig von dem rein gesellschaft-
lichen und ebenso die politische Macht wenig von der rein gesellschaftlichen los: alles
kommt zunächst auf die führenden Persönlichkeiten und auf deren enge Fühlung mit
der herrschenden Strömung innerhalb der Gruppe (d. h. innerhalb der Gesellschaft)
an. Wie sich erst allmählig Staat und Gesellschaft von einander differenzieren, haben
wir schon oben (S. 471) angedeutet.
Die Eroberungstheorie des Staates (d. h. die Lehre von der aus-
1) Holsti, The relation of war to the origin of state, Helsingfors 1913. Pon-
tus L. Fahlbeck, Die Klassen und die Gesellschaft, Jena 1922.
2) Franz Oppenheimer, Der Staat (System der Soziologie II), S. 267 fg.