Full text: Gesellschaftslehre

Der Hilfstrieb., 
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eine gewisse Leere bemerklich macht, die dann durch die Pflegetätigkeit 
ausgefüllt wird. Dieser Gegensatz beruht wohl zum Teil auf angeborenen 
Anlagen, daneben kommt gewiß aber in Betracht, daß das Funktions- 
bedürfnis für unseren Trieb umso stärker ist, je weniger der Mensch 
durch anderweitige Interessen beansprucht ist. 
Bei den einzelnen Individuen ist der Hilfstrieb wie jeder Trieb 
außerordentlich verschieden entwickelt, sowohl nach Stärke wie nach 
Richtung. Bei der Zerstörung der Stadt Halifax durch eine furchtbare 
Explosion im Hafen im Jahre 1916 zeigte sich bis zur Wiederkehr nor- 
maler Zustände ein Teil der Bevölkerung von selbstloser Hilfsbereit- 
schaft, zum Teil bis zur höchsten Opferwilligkeit, erfüllt, während ein 
anderer die Rolle der Hyänen auf dem Schlachtfelde spielte. Die In- 
dividuen, sagt ein Berichterstatter, sonderten sich in soziale und unsoziale 
Menschen!). 
4. In unseren Verhältnissen wird der Hilfstrieb über- 
wiegend gelähmt durch entgegengesegte Antriebe: Unsere Lebens- 
führung ist in hohem Maße durch egoistische Interessen bestimmt. Die 
kapitalistische Gesellschaftsordnung hat das Leben zum großen Teil in 
einen Kampf oder in einen Wettkampf um Erfolg und Gewinn verwan- 
delt und dadurch die Hilfsbereitschaft getötet. Bei den Naturvölkern, 
und zum großen Teil gilt dasselbe von allen anderen Kulturformen über- 
haupt, bildet statt dessen überwiegend die Solidarität die Grundlage der 
Wirtschaft. Der Gewinn des einen braucht hier nicht wie bei uns so häu- 
fig der Nachteil des anderen zu sein. Welch andere Zustände unter sol- 
chen Bedingungen bestehen könen, davon erweckt uns schon ein Blick 
auf die russische Literatur eine Vorstellung. Mitleid und Liebe beherr- 
schen dort das Leben in ganz anderem Maße als bei uns. — Ähnlich wir- 
ken die großen Dimensionen des Lebens bei uns hemmend. Unser Trieb 
gleicht einem echten Instinkt darin, daß er wenigstens in seinen elemen- 
taren Formen in hohem Maße von der Anschauun g abhängig ist. 
Der Anblick eines einzigen hungernden Menschen seßt unsere Teilnahme 
ganz anders in Bewegung als die Zeitungsnachricht, daß Millionen von 
Menschen der Hungersnot im fernen Osten verfallen sind. Gerade diese 
Anschaulichkeit aber ist bei uns in weitgehendem Maße zerstört durch 
die großen Dimensionen unserer Verhältnisse und durch unser Klassen- 
wesen mit seiner äußeren und inneren Trennung der Menschen. So sind 
wohl die Eltern, wenn sie für ihre Kinder sorgen, vom Hilfstrieb bewegt. 
Wenn sich aber der Staatsmann um das Wohl von Millionen müht, so gilt 
sein Interesse nicht ihren Personen, die als solche ihm vielmehr fern ge- 
1 Samuel Henry Prince, Catastrophe And Social Change, based upon a Sso- 
ciological study of the Halifax disaster. New York Columbia Universitv 1990.
	        
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