Das Ergebnis der belgischen Kriegsfinanzwirtschaft war etwa eine Verdoppelung der Schuldenlast gegen-
über der Vorkriegszeit. Die Ententemächte verzichteten nur zum Teil auf die Rückerstattung der Kredite,
die der belgischen Regierung in Le Havre zur Verfügung gestellt worden waren. Auch war es natürlich, daß
der belgische Staat die Anleihen übernahm, die die Kommunen zur Bestreitung der Kontributionen und
der besonderen aus den Kriegsverhältnissen herrührenden Aufwendungen aufgenommen hatten. Die
gesteigerten Lasten des Schuldendienstes waren für die Gesamtgestaltung des belgischen Staatshaushaltes
der Nachkriegszeit von erheblicher, aber bei weitem nicht so grundlegender Bedeutung wie in den anderen
kriegführenden Staaten. Weitaus stärkere Ansprüche stellte die Reorganisation von Verwaltung, Heer
und Wirtschaft sowie die Wiederaufbauverpflichtungen.
Il. Die belgische Finanzwirtschaft nach dem Kriege.
a. Die Entwicklung der Ausgaben.
Die belgische Finanzwirtschaft stand bei Kriegsende vor vollkommen neuen Aufgaben. Der Aufgaben-
kreis des Staates wurde in großzügiger Weise erweitert, da ein gewisser 0 ptimismus bezüglich der Beurteilung
der weiteren finanziellen Entwicklung herrschte. Insbesondere wurde auf die Finanzierung aus Reparations-
einnahmen zur Durchführung des Wiederaufbaus gerechnet. Das erste Finanzjahr nach Kriegsende war
überdies mit der Abwicklung aller Verpflichtungen belastet, die während des Krieges unerledigt geblieben
waren. Erhebliche Aufwendungen des Staates waren noch für die Lebensmittelversorgung der Be-
völkerung notwendig. Alle diese Aufgaben erforderten besondere Maßnahmen zur Beschaffung der not-
wendigen Mittel. Das Steuersystem wurde reformiert, um den gestiegenen »ordentlichen« Staatsbedarf
decken zu können. Der »außerordentliche« Staatsbedarf war auf Deckung durch Inanspruchnahme von
Krediten angewiesen. Es mußten in steigender Höhe kurzfristige Kredite in Anspruch genommen, und auch
das Mittel der Inflation angewandt werden, um das Defizit des Haushalts zu decken. Daraus erwuchsen
wiederum die Schwierigkeiten der belgischen Finanzwirtschaft in den letzten beiden Jahren, Es wurde
die eingehende Sanierung des Jahres 1926 notwendig.
Die besonderen Ausgabenkomplexe der Nachkriegszeit veranlaßten eine Neuregelung der Etatisierung,
Während vor dem Kriege nur unterschieden wurde, ob es sich um laufende Verpflichtungen handelte oder
um einmalige, hauptsächlich für Investierungen dienende, wurde seit 1921 noch gesondert der ganze Kreis
der Ausgaben ausgewiesen, die dem belgischen Staat aus dem Kriege erwachsen waren, und für die er
Ersatzforderungen an Deutschland geltend machte. Sie wurden als Depenses Recowvrables en Execution
des Traites de Paix bezeichnet. Ihr Kreis wurde erstmalig im Etat für 1924, dann auch für 1925 bedeutend
enger gezogen, nachdem sich die mutmaßlichen Eingänge aus Reparationsleistungen übersehen ließen.
Gleichzeitig mit der Aussonderung der Depenses Recowvrables wurden die Staatsbetriebe finanziell ver-
selbständigt, da sie angesichts der Aufgaben, die besonders den Verkehrsunternehmungen in der Nach-
kriegszeit gestellt waren, in ihrer Geschäftsführung nach Möglichkeit unbehindert sein sollten. Wenn man
die Bedeutung der Betriebsergebnisse für den belgischen Staatshaushalt der Vorkriegszeit berücksichtigt,
so ist das starke Interesse des Staates an der Umorganisation der Betriebe erklärlich. Die Betriebsergeb-
nisse waren in den ersten Jahren nach dem Kriege durch die Desorganisation der belgischen Wirtschaft
stark beeinflußt. Außerdem hatten die Betriebe neben den vom Staate zu bewirkenden Wiederaufbau-
arbeiten verhältnismäßig umfangreiche Neubauten durchzuführen, die nicht aus Betriebseinnahmen,
sondern durch staatliche Zuschüsse gedeckt wurden. Das finanzielle Ergebnis der Betriebsführung stellte
sich nach den Abrechnungen folgendermaßen dar:
Einnahmen Ordentliche Ergebnis des Außerordentliche
Ausgaben ordentlichen Haushalts Ausgaben
-. in Millionen fr,
DO 462 974 — 512 55
Wr 978 1124 — 146 193
De 1.130 1 246 — 116 255
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De 2 2021) 2.365 — 163 602
9 en 19032) 1.806 u 219
1) Gesechätztes Ergebnis nach Houtart, a.a.0.
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