Metadata: Hansische Beiträge zur deutschen Wirtschaftsgeschichte

VII. Großhandel und Großhändler im Lübeck des 14. Jahrhunderts 239 
hamburgischer Kaufleute, die nicht Wandschneider waren, auf der Lüneburger Michaelis- 
messe berufen(S., 141 ff.). Von einer ähnlichen Tätigkeit Lübecker Tuchgroßhändler ist aber 
nicht das mindeste überliefert. Aber auch Nirrnheim betont ja für diese Gruppe von 
Kaufleuten, daß für sie der Großhandel den Hauptberuf bildete, worin ich ihm durchaus 
zustimme. Für unsere Lübecker Großhändler ist jedenfalls dieser „Kleinverkauf“‘“ so un- 
wesentlich, daß sie als reine Großhändler zu werten sind. 
27) Hier unterscheide ich mich von Nirrnheim, der von der Annahme ausgeht, daß 
wer Gewandschneider gewesen sei, eben als Hauptberuf Gewandschnitt ausgeübt habe. 
Andrerseits möchte ich hervorheben, daß auch für die ältere Geschichte des Lübecker 
Tuchhandels — also die Zeit vor dem ausgehenden 13. Jahrhundert — das Zusammen- 
Fallen von Großhandel und Kleinhandel im Tuchgeschäft im wesentlichen zutreffen 
wird. Ob aber dieses Zusammenfallen dadurch entstanden ist, daß der Kleinhändler 
(Gewandschneider) zum „Auchgroßhändler‘‘ wurde, um sich Ware für seinen Hauptberuf, 
den Kleinhandel, zu verschaffen (so z. B. F, Keutgen, Der Großhandel im Mittelalter, 
Hans. Gbll. Jg. 1901, S. 94ff.), oder dadurch, daß ein frühmittelalterlicher Fern- und 
Wanderhandel sich seit dem 10. Jahrhundert in den bis dahin noch unentwickelten 
Städten mit gewerblicher Bevölkerung festsetzte, und den Kleinhandel neben seinem alten 
Hauptberuf, dem Fernhandel, beibehielt (so neuerdings H. Pirenne, Les villes du 
Moyen Age, 1927, S. 122ff.), liegt außerhalb der Aufgaben dieser Untersuchung. Für 
Lübeck möchte ich zu der noch zu begründenden Ansicht neigen, daß hier der Fern- und 
Großhandel von vornherein für die kaufmännische Oberschicht das Wesentliche, der 
Gewandschnitt ein Vorbehaltsrecht dieser Schicht war. Selbstverständlich handelt es sich 
bei Lübeck von vornherein um bereits entwickelte Verhältnisse; für die Anfänge deı 
Organisation des Handels ist aus seinem Material nichts zu entnehmen; insoweit ist der 
Hinweis Pirennes auf die ältesten Städte als das wichtigste Forschungsgebiet berechtigt 
(a. a. O. S. 119, Anm. 1). Die Formel Pirennes: C’est donc le grand commerce ou, si Fon 
prefere un terme plus precis, le commerce a longue distance qui a €t€ la caracteristique de 
la renaissance €conomique du Moyen Age (a. a. 0. S. 109) verdient m. E. jedenfalls weit- 
gehende Beachtung, mag sie auch den in Deutschland herrschenden Anschauungen zu- 
nächst widersprechen. 
2%) So wurde es offenbar auch in andern Städten gehalten, z. B. in Elbing. Dort ver- 
fügt die Willkür von 1420: „Kein handwercker, krämer noch höcker soll schöne gewand 
schneiden bey drey marck. Alsus magk es schneiden ein jeder, der da bürger ist, 
wen er seine marck zu vor auff das rathauß gegeben hatte, also dem ge- 
wandschnitt zu gehöret.....“ (A. Semrau, Mittlgn. d. Kopernikusvereins etc. 
zu Thorn Heft 34, 1926, S. 51). Grundsätzlich steht also jedem Kaufmann der Klein- 
verkauf von Qualitätstuch frei; nur muß er die Gebühr von I M. zahlen; vermutlich für 
die Benutzung des Gewandhauses (Semrau a. a. 0. S. 23.). Wenn Semrau an dieser Stelle 
von dem Gewandschnitt als einem ‚Gewerbe‘ spricht, so scheint es mir zutreffender 
zu sein, auch hier von einer Funktion des kaufmännischen Betriebes zu sprechen, die 
auszuüben dem Belieben jedes Kaufmanns anheimgestellt war. 
%) Man beachte den Unterschied dieser Aufstellung von 4 Gruppen für Lübeck mit den 
3 Gruppen, die Nirrnheim a. a. 0. S. 157f. aufgestellt hat. Die wesentlichen Unterschiede 
scheinen mir folgende zu sein: 1. Nirrnheims Gruppe 1 zergliedert sich bei mir in die 
Gruppen 2 u. 4, von ihnen hat Gruppe 2 trotz der Ausübung des Gewandschnitts in erster 
Linie als Großhändler zu gelten. 2. Reine Großhändler (bei mir Gruppe 1) lehnt Nirrn- 
heim für Hamburg ab. 
%°) Es bedarf kaum eines besonderen Hinweises, daß das Bild, das ich auf Grund ein- 
gehendster Quellenkenntnis von der Entwicklung der Lübecker Gewandschneider zu 
geben habe, sich grundsätzlich unterscheidet von dem, was man früher über sie glaubte 
feststellen zu können (z. B. C. Wehrmann, Die älteren Lübecker Zunftrollen, S. 27ff.; 
F. Philippi, Deutsche Literaturzeitung 1916, Sp. 1427f.). Neuerdings hat K. Frölich
	        
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