Full text: Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

Wie wir sahen, steht ‚der ;,Wirtschaftsdemokratie‘ am 
nächsten die Planwirtschafift oder der Kömmu- 
nismus. Aufhebung jedes Eigenlebens der Einzelwirt- 
schafter und der Untergebilde der Volkswirtschaft, Unter- 
ordnung des gesamten Wirtschaftsprozesses unter die zen- 
trale. Oberleitung des Staates, Vernichtung der Unter- 
schiede zwischen Staat und Wirtschaft durch völlige Büro- 
kratisierung der Wirtschaft und restlose Verwirtschaft- 
lichung, d. h. Vermaterialisierung “des Staates sind die 
Grundzüge dieser Wirtschaftsverfassung. 
Im bolschewistischen Rußland erleben wir den groß- 
zügigen Versuch, eine planwirtschaftliche Gestaltung 
durchzuführen. 
Man hat in Rußland die Großindustrie, das Geld- und 
Bankenwesen, den Handel, und zwar vor allem den Groß-, 
{ndustrie- und Außenhandel, verstaatlicht. Abgesehen von 
den ungeheuren Wohlstandsverlusten, die diese Verstaat- 
lichung zur Folge hatte — die von der Sowietregierung 
auch gar nicht geleugnet, sondern als die notwendigen 
Opfer zur Erreichung des ‚kommunistischen Endzieles be- 
zeichnet werden —, handelt es sich hier aber nur um eine 
der Planwirtschaft ähnliche Gestaltung: Sie findet nur 
in einem Bereiche der Volkswirtschaft statt und ist vor 
allem deshalb möglich, weil die übrige Wirtschaft: Klein- 
gewerbe, Kleinhandel und beinahe die gesamte Landwirt- 
schaft nicht sozialistisch, sondern privatkapitalistisch orga- 
nisiert sind und die Kosten des sozialistischen ‘Versuches 
von ihrem Ertrage bezahlen müssen. Die russische Wirt- 
schaftsverfassung hat eigentlich nur den politischen Sinn, 
im städtisch-industriellen Bereiche dem Sozialismus ähn- 
liche Wirtschaftsverhältnisse zu: schaffen und die das 
Regime tragenden Sstädtisch-proletarischen Massen: zur 
sozialistischen Kerntruppe heranzubilden. Die eigentliche 
Schwierigkeit ist dabei, daß dies auf Kosten der Bauern 
geht. Die Grundirage des Regimes ist nun einfach die: wie 
lange die Bauern bereit sein werden, für die bolsche- 
wistische Idee zu hungern. In Rußland möglicherweise noch 
sehr lange. (Siehe dazu die plastische Darstellung H. v. 
Beckeraths, Politische Ideen und Wirtschaftsverfassungen 
von heute im internationalen Vergleich. In Schriften der 
Vereinigung‘ der Deutschen Arbeitgeberverbände, Heit 18, 
„Die Mitgliederversammlung 1928“, Berlin 1929.) 
Gerade der sowietistische Versuch zeigt aber, daß 
weder Gleichheit in der Führung des Wirt- 
Schaftsprozesses verwirklicht ist — im Gegenteile 
Herrscht die radikalste Diktatur des kommunistischen 
Ordens, was ja bei einer zentralen Organisation der Wirt- 
schaft durchaus begreiflich erscheint — noch die 
Gleichheit in der Ertragszuteilung — trotz 
der sicherlich schönen Geste, daß Stalin das Gehalt eines 
Vorarbeiters der Uralbergwerke bezieht. Ja auch die For- 
derungen der „eingeschränkten‘ „Wirtschaftsdemokratie“ 
auf Mitführung sind kaum für das bevorzugte städtische 
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