Full text : Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

industrieproletariat erfüllt. - Unsere „Wirtschaftsdemo«
kraten“ würden sich in Rußland kaum wohlfühlen, zumal
©S gar hicht zweifelhaft ist, daß man in Mittel- und West-Europa
 niemals mit einer so ungeheuren, mystisch anmutenden
 Geduld, Entsagungs- und Verarmungsfähigkeit der
Massen rechnen könnte wie in Rußland: Voraussetzungen,
ohne die das sowjetistische, lediglich Dlanwirtschaftsähn -
liche System längst schon zusammengebrochen wäre.
Daß die in Amerika und in Westeuropa herrschende
Wirtschaftsgestalt. des weniger oder mehr gemäßigten Kapitalismus
 den /„Wirtschaftsdemokratischen“ Strömungen
abhold ist, braucht nicht näher‘ bewiesen zu werden.
Die kapitalistische Wirtschaitsform beruht ja geradezu
auf der Betonung der ungehemmten Führertätigkeit.
Alle Gestaltprinzipien der kapitalistischen Ordnung: freier
Wettbewerb, Handelsireiheit, Gewerbefreiheit. Freizügigkeit,
 kurz ungehemmte Entfaltung der Kräfte des Einzelwirtschafters,
 sind den Forderungen der „reinen“ und der
„eingeschränkten“ „Wirtschaftsdemokratie‘“ durchaus entgegen.
 Das Land der reinsten kapitalistischen Wirtschaft,
Amerika, kennt keine „Wirtschaftsdemokratische‘* Bewegung.
 Und selbst in England ist man äußerst vorsichtig
in‘ der Propagierung und Anwendung „Wirtschaftsdemokratischer“
 Einrichtungen, wie aus dem Gelbbuche der
liberalen Partei gut zu entnehmen ist. :
Nun ist es heute Gemeingut der Wirtschaftswissenschaft,
 daß der Kapitalismus sich in seiner Struktur bedeulend
 gewandelt hat, daß zwischen dem rein individualistischen,
 liberalen Kapitalismus des 19. Jahrhunderts und
dem geregelten und verstetigten Kapitalismus von heute
große Unterschiede bestehen. Gerade diese Wandlung
scheint den „Wirtschaftsdemokraten“ Recht zu geben:
Einerseits in der Kritik der Schäden des ungebundenen
Kapitalismus, der schwere Krisen, ein zerstörendes Auf
und Ab der Konjunkturen und Depressionen, und durch
die Proletarisierung der Industriearbeiterschaft eine schwere
Zersetzung ‘des Volkskörpers mit sich gebracht hat.
Andererseits in der Prognose, daß sich der Kapitalismus
mit zunehmendem Alter rationaler, d. h. nun nach dieser
marxistisch-,wirtschaftsdemokratischen“ Auslegung planwirtschaftlich,
 sozialistisch gestalten müsse,
Wie steht es mit dieser Behaurtung? Sind wirklich
die heutige Bindung, Organisierung, Verstetigung des
Wirtschaftsprozesses; das Entstehen der Wirtschaftsorgahisationen
 (Unternehmer-, Banken-, Arbeiter- und Kon-Sumentenverbände),
 das Eingreifen des Staates in die
Wirtschaft (durch Geld-, Kredit-, Steuer- und Sozialpolitik
uSW.), sind dies wirklich „Wirtschaftsdemokratische“ Vorgänge?
 Sind das Sozialistische, Planwirtschaftliche Ent-Wwicklungstendenzen?
 Diese Annahme ist ein verhängnisvoller
 Irrtum: Hier geht es nicht um Planwirtschaft, sondern
 um das Zurückfinden der Wirtschaft zu ihrer wesens-IR

            
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