Full text: Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

Fbene liegt. Es ist der Geist, der den Wirtschaitskörper 
baut, und nicht umgekehrt! 
Da das Evangelium uns keine Wirtschaftstorm als 
bindend vorschreibt und die Versuche von Kautsky und 
Maurenbrecher, das Evangelium für eine sozialisti- 
sche Wirtschaltsform in Anspruch zu nehmen, gescheitert 
sind, haben wir ein Recht, für diese 
Trennung von Wirtschaitsethik und Wirtschaits- 
theorie 
einzutreten. Dabei bleibt es vom evangelischen Standpunkt 
aus gesehen der Gewissensentscheidung des einzelnen über- 
jassen, für welche Wirtschaftsform er sich entscheiden will, 
für die bestehende, deren Mängel er kennt, oder für eine 
von den verschiedenen erhofften, deren Mängel’ er nicht 
kennt. Es kann aber darauf hingewiesen werden, daß 
Jesus in den Gleichnissen von den anvertrauten Pfunden 
(Matth. 25) und vom ungerechten Haushalter (Luc. 16) mit 
einer gewissen Selbstverständlichkeit die Freiheit des 
Wirtschaftslebens voraussetzt. 
Es ist nicht meine Aufgabe, das individualistische Prin- 
zip und die Bedeutung des Unternehmers im Wirtschafts: 
leben zu schildern, etwa unter Bezugnahme auf den ster- 
benden Faust, den größten Unternehmer und Gegner des 
Kollektivismus. Ich habe in einem Vortrag über die Psy- 
chologie des Unternehmers — abgedruckt in „Wort und 
Tat“, Heft 14 der Apologetischen Centrale Spandau — er“ 
klärt: Die anima industrialis kann sozusagen naturaliter 
den ersten Glaubensartikel beijahen. Mit anderen Worten: 
Das wirtschaftliche Denken des Unternehmers sehnt sich 
nach einer höheren schöpferischen Synthese, in der das 
berufliche Denken als Mitarbeit an der Schöpfung und 
Entwicklung verklärt wird. Oder, wie Horneffer es 
einmal formuliert hat: „Wir wollen Mitarbeiter und Bauge- 
nossen an der ewigen Schöpferarbeit Gottes sein.“ Es ist 
ganz selbstverständlich, daß von einer solchen Warte der 
Berufsauffassung aus: der. sittliche Gedanke mit in den 
freien Entscheidungsbereich der einzelnen Persönlichkeit 
gerückt wird. In dieser Frage sind die Ausführungen von 
Fabrikbesitzer Georg Müller, Oerling- 
hausen, über die Berufsethik des Arbeitgebers auf der 
diesjährigen Frankfurter Tagung des Evangelisch-Sozialen 
Kongresses von grundsätzlicher Bedeutung. Wenn ich an 
dieser Stelle die Lektüre des Verhandlungsberichtes, der 
bei Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen, er- 
schienen ist, sehr empfehle; so tue ich ‚es besonders auch 
deshalb, weil die dort auch abgedruckten Referate über die 
Berufsethik des Arbeitnehmers indirekt auch zu unserem 
Thema Stellung nehmen. Es ist interessant, wie 
Tarnow, der Vorsitzende des Holzarbeiterver- 
bandes, die Freiheit des Sittlichen Gedankens 
verneint 
und eine Bindung des sozialen Ethos an die Klassensolidari- 
tät fordert, während der Verbandssekretär Springer vom 
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