vielleicht nur einer einen wirklichen Einblick besitzen. Daß
alle Beteiligten diese Einsicht haben sollten, ist natürlich
eine ganz unmögliche und auch niemals gemachte Voraus-
setzung. Der Gedanke ist hier also, daß dies ‚ sachlich
Richtige nicht das zuletzt Entscheidende sein. kann, oder,
da dies vielleicht niemand auch nur sich selbst gern einge-
stehen wird, daß es ein solch sachlich Richtiges gar nicht
gibt, daß es vielmehr restlos in dem aufgeht, worauf hier
allein das Augenmerk gerichtet wird: in den Interessen der
einzelnen Beteiligten. Nicht die Einsicht in eine wie immer
beschaffene Sache ist es ‚also, die hier die Entscheidung
bestimmt, denn wer wollte sie von den vielen, von allen
erwarten, sondern
die Rücksicht auf das persönliche Wohl und Wehe
der einzelnen Beteiligten.
von dem man wohl eher. annehmen kann, daß jeder ein-
zelne am besten darüber Bescheid wisse. Ob auch nur
diese letzte Annahme richtig ist, mag hier dahingestellt
bleiben; auch in dieser Hinsicht sind einige Zweifel erlaubt,
wenn man unter dem Wohl und Wehe nicht den augen-
blicklichen Vorteil, sondern .das dauernd und beständig
Förderliche versteht. Wie wenig viele Menschen dies
auch nur mit Bezug auf ihr eigenes Geschick zu beurteilen
verstehen, ist allzu bekannt. - Aber davon wollen wir hier
absehen. Der allgemeine Gedanke ist also der, daß nicht
das sachlich Richtige, sondern das persön-
lich Vorteilhafte die letzte Entscheidung zu geben
habe. Es ist das Vorwalten des persönlichen vor dem
sachlichen Gesichtspunkt.
Dies Vorwalten des Persönlichen vor dem Sachlichen
ist ja ein allgemeiner Wesenszug unserer Zeit. Fast auf
allen Gebieten ist die Erörterung über die zu verfolgenden
Ziele in der Hauptsache von solchen Gesichtspunkten be-
stimmt,
Daher überall das Mißtrauen gegen einen überlegenen,
hur durch die Einsicht in. das Wesen der Sache be-
stimmten Willen.
Er muß möglichst gehemmt und durch : allerlei Ueber-
wachungen eingeschränkt werden. Aus dem Gedanken
solcher Beaufsichtigung und Hemmung ist die Demokratie
ja eigentlich entstanden. . In Wahrheit ist aber nur das
Sachliche das auf die. Dauer Richtige und Beständige,
während der persönliche Vorteil den Willen bald da-, bald
dorthin zieht und ihm nur in den seltensten Fällen eine be-
ständige Richtung zu geben vermag. Das wird noch sehr
gesteigert, wenn viele mitzureden haben, die noch nicht
einmal über ihren eigenen beständigen Vorteil wahrhaft
Bescheid wissen, sondern ihn meistens mit dem augenblick-
lich Angenehmen verwechseln. Dadurch wird die Bildung
einer dauernden Willensrichtung verhindert, und weniges
kennzeichnet die Demokratie ia so sehr, als dieser
Mangel eines dauernden Willens. Was heute
gegolten hat, kann morgen wieder umgestürzt werden;
weite Ziele, die nur durch einen beständigen Willen er-
reicht werden könnten, werden gar nicht mehr aufgestellt
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