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Die bisherigen kurzen Ausführungen, die nur die wichtigsten Selbsthilfe-
maßnahmen gestreift haben, sind schon Beweis genug dafür, daß die ostpreußische
Landwirtschaft nicht kampflos der fortschreitenden wirtschaftlichen Verelendung
zugesehen, sondern sich nach Kräften dagegen gewehrt hat. Sollen diese Kräfte
nicht erlahmen, so bedarf es einer weitgehenden Stützung von seiten des Staates
und des Reiches.
Wie hoch diese finanziellen Beihilfen in den nächsten Jahren sein müßten, ist
aus den Anträgen der ostpreußischen Landwirtschaftskammer in ihrem bereits
erwähnten Produktionsprogramm (S. 73) zu ersehen.
c) Umstellungsmöglichkeiten in der ostpreußischen Landwirtschaft.
Der Organisation des landwirtschaftlichen Betriebes und damit einer Um-
stellungsmöglichkeit ist infolge der natürlichen und wirtschaftlichen Produktions-
oedingungen (Boden, Klima, Absatzverhältnisse) in Ostpreußen ein verhältnis-
mäßig geringer Spielraum gewährt. Es muß weiter betont werden, daß eine
größere Umstellung meist, wenn nicht immer, erhebliche Aufwendungen erfordert
bzw. mit Ausfällen verbunden ist, die aufzubringen die ostpreußische Landwirt-
schaft nach den früheren Darlegungen (Rentabilitätslage. Verschuldung) nicht in
der Lage sein dürfte.
Für die Feststellung, wieweit bereits in den letzten Jahren Umstellungen er-
folgt sind, gibt die Bodennutzungs- und Viehstatistik Anhaltspunkte (Anlage HI).
Die gesamten der Futtererzeugung dienenden Flächen nehmen in Ostpreußen 46,1 %,
im Staat 38,7 % der landwirtschaftlich genutzten Fläche ein. Es ist also eine
Extensivierung oder besser eine Umstellung auf Vermehrung des wirtschafts-
eigenen Futters erfolgt. Damit ist eine stärkere Betonung der Viehhaltung ver-
bunden. Tatsächlich zeigt eine nach dem Viehbesatz gruppierte Zusammenstellunng
der Buchführungsgenossenschaft Königsberg mit steigendem Großviehbesatz je
Hektar steigenden Reinertrag (Anlage IV).
Für die verschiedenen Bezirke Ostpreußens ergeben sich im einzelnen wesent-
liche Unterschiede (Anlage II). Eine erhebliche Vermehrung der Weiden und
Hutungen ist nur in den Regierungsbezirken Königsberg und Gumbinnen, also in
Gebieten mit schwereren Böden, mit 41,8 % 1927 gegenüber 40,2 % 1913 ein-
getreten. Es sind dieselben Gebiete, die den stärksten Rückgang in der Schaf-
haltung auch nach dem Kriege mit 45,5 % 1927 gegenüber 47,3 % 1924 aufweisen.
Die Schafhaltung wird hier auf den schwereren Böden gegenüber der Rindvieh-
haltung immer mehr zurückzutreten haben, Auch die ‘Anzahl der Pferde hat in
Gumbinnen mit 6,6% und in Königsberg mit 4,5 % den stärksten Rückgang gegen
1924 erfahren. Inwieweit der staatliche Einfluß auf die Umstellung von der
Warmblut- zur Kaltblutzucht hemmend gewirkt hat, bedürfte einer näheren Unter-
suchung (in Gumbinnen gibt es bisher nur eine Warmblutkörordnung).
Im Regierungsbezirk Allenstein ist zwar eine geringe Zunahme der Futter-
Aächen festzustellen: indessen scheinen die Bodenverhältnisse der Vermehrung der
Weiden- und Futterflächen eine natürliche Grenze zu setzen. Die Bedeutung und
Wichtigkeit des Kartoffelbaues spiegelt sich in der besonders starken Vermehrung
der Schweinebestände um 56,4% 1927 gegenüber 1924 wider. Auch die Schaf-
haltung scheint mit einem gegenüber dem übrigen Ostpreußen wesentlich geringeren
Rückgang nicht bedeutungslos zu sein (absolute Schafweide).
Die Veränderung in der Bodennutzung im Regierungsbezirk Westpreußen ist
verhältnismäßig gering. Während die südlichen Bezirke mit leichteren Böden
Übergänge zu den Verhältnissen im Regierungsbezirk Allenstein zeigen, sind die
nördlichen und westlichen Niederungsgebiete außerdem vom Klima hesonders be-