Die Londoner Untergrundbahnen: Die elektrischen Tunnelröhrenbahnen. 359
als die Hälfte eingeschränkt. Die strenge englische Sonntagsheiligung beeinflußt stark das
Verkehrsleben. — Wie sehr einzelne Stationen durch diese Zugzahlen belastet werden,
wurde schon in der Fußnote auf S. 318 angeführt. Danach wird die 4gleisige King's
Croß Station täglich von mehr als 1200 Zügen durchfahren, ein Verkehr, der für den um
so staunenswerter ist, der diese stnstere, räumlich über alle Maßen beschränkte unterirdische
Station kennen gelernt hat.
Kurz sei auch noch des Güterverkehrs gedacht, der einen höchst bemerkenswerten
Punkt in dem Gesamtbilde ausmacht. Es sind, wie schon Seite 97 erwähnt, drei unter
irdische Güterstationen angeschlossen. Alle drei liegen im Herzen der City (Abb. 53),
also in vorteilhaftester Lage und erfreuen sich eines ganz gewaltigen Verkehrs. Sie ge
höre» drei verschiedenen Hauptbahnen an. Die eine dieser Stationen — Smithfield
Market — ist unterhalb der fast 200 in langen und 75 na breiten Zentralfleischhalle
gelegen, mit dieser durch zwei Aufzüge, mit der Straße durch eine spiralförmig gewundene
Rampe für Straßenfnhrwerk in Verbindung gebracht. Durch sie ziehen sich an einer Längs
seite die beiden Gleise der S. 350 genannten Widened Lines der Untergrundbahnen hin
durch, die auch mittels Abzweigung die An-und Abfuhr der Bahnwagen besorgen. Besondere
Fleischzüge treffen hier fast allnächtlich von Birkenhead und Bristol ein. In ersterem
Orte, dem bekannten, Liverpool gegenüberliegenden Hafenplatze, befinden sich große Schlacht
häuser, in denen das überseeische, lebend eingeführte Vieh geschlachtet und dann von dort
nach dem Londoner Markt gebracht wird, während in Bristol geschlachtetes Vieh, nament
lich von Australien, durch besondere, mit Gesriereinrichtung versehene Dampfer eingeführt
wird. Auch in den beiden anderen unterirdischen Güterstationen wickelt sich ein sehr
reger Verkehr ab. Er wirkt überraschend durch die dem festländischen Besucher ungewohnte
Schnelligkeit, mit der, allerdings unter Zuhilfenahme zahlreicher mechanischer Hilfsmittel,
wie Drehscheiben, Schiebebühnen, Spills, Auszüge, Kräne (von Hand- oder durch Wasser
druck u. s. w. bewegt), die Wagen herangeholt, ent- bezw. beladen, umgesetzt und zu
Zügen zusammengestellt werden, wobei nur wenige Arbeiter thätig sind. Der das ge
samte englische Leben beherrschende Grundsatz: „Zeit ist Geld" kommt auch im Betriebe
dieser (wie aller anderen) Güterstationen zur vollen Geltung und Nutzanwendung.
Die elektrische Tnnnelröhrenbahn in London.
Völlig verschieden von den bis jetzt erörterten Ticsbahnen sind die elektrischen
Tunnelröhrenbahnen. Die älteste dieser Linien wurde 1886 in London in Angriff ge
nommen. Sie hat das Interesse der technischen Welt in hohem Maße erregt, da sie nach
allen Richtungen hin Neues bietet, ist sie doch billiger in der Herstellung, vorteilhafter in
der Lüftung, einfacher im Betriebe und ermöglicht auch den Bau einer Tiefenbah» selbst
da noch, wo die anderen Bauweisen versagen.
Anlaß zu ihrer Anlage gab die mangelhafte Verbindung der im Osten Londons
beiderseits der Themse belegenen Stadtbezirke. Den Verkehr der City mit dem Südufer
des Flusses vermittelte hier besonders die weltbekannte Londonbrücke, über welche im
Jahre etwa 35 Millionen Fußgänger und 7 Millionen Wagen mit zusammen 21 Millionen
Fahrgästen, also alles in allem 56 Millionen Personen sich bewegen. Seit einigen Jahren
hat allerdings die nenerbaute Towerbrücke sie etwas entlastet.
Der Gedanke des Ingenieurs Greathead, hier eine unterirdische Bahn anzulegen,
wurde in London um so freudiger aufgenommen, als der von ihm ausgestellte Bauplan
die Anlagekosten in verhältnismäßig engen Grenzen hielt. Der Baugesellschaft war die
freie Benutzung des Bodens unterhalb der öffentlichen Straßenzüge zugesprochen. Sie
hatte daher wenig Grnnderwerbskosten zu zahlen. Die Tiefenlage der Bahn wurde
zu 12 bis 18 in gewählt, so daß alle Abzngskanäle, Gas- und Wasserleitungen um
gangen, vor allem auch das kostspielige und zeitraubende Unterfangen der Gebäude-
fundamente u. s. w. erspart werden konnte.
Die Seite 86 beigefügte Tafel zeigt die Linienführung dieser neuen Bahn. Letztere
ist zweigleisig mit der Normalspur ausgebaut. Für jedes Gleis bezw. jede Fahrtrichtung
besteht ein besonderer Tunnel; nur in den beiden Endstationen sind beide Gleise in einem