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Fünftes Buch. Zweites Kapitel.
Keiner wohl mehr, als seine erschütternde Trauer nach dem Tode
seiner besten Söhne im Jahre 810. Schon als Pippin, der
zweite Sohn, starb, verlor der Kaiser in einem Grade die
Fassung, wie es sein Biograph Einhard sonst nie an ihm be—
obachtet hatte. Als aber nach dem herben Verluste Pippins am
Schlusse des gleichen Jahres gar Karl dahinsank, der ältere,
der Lieblingssohn des Kaisers, auf den er alle Hoffnungen und
Pläne gerichtet hatte, da begann der alternde Herrscher fast
schwermütig zu werden; er sprach davon, sich in die Einsamkeit
eines Klosters zurückzuziehen; der Gedanke des eigenen Hin—
scheidens umschwebte ihn, und trüber Stimmung bestellte er
im Testamente des Jahres 811 Haus und Reich.
So innig und einfach das Familienleben dahinfloß, so wenig
füllte es das Dasein des Kaisers auch in gewöhnlichen Stunden
aus. Zur Ausmünzung des Glückes müßiger Tage war das
Leben des mittelalterlichen Herrschers überhaupt noch viel weniger
geeignet, als das der Könige späterer Zeiten. Der Luxusbegriff
des Mittelalters, wie jeder Kultur, die sich durch billige Arbeits—
kräfte auszeichnet, stellte den König unter den Bann einer un—
erträglich ausgedehnten, fortwährend persönliche Anforderungen
stellenden Gefolg- und Dienerschaft: es galt als vornehm, über
wahre Heere von Begleitern zu verfügen; aus dem Begriff des
Dienstes heraus erwuchsen im deutschen Mittelalter ganze soziale
Schichten; schon ein Bischof ritt kaum mit einem Gefolge unter
60 bis 70 Personen über Land. So war Karl von einer Fülle
dienender Personen umgeben; zu dem eigentlichen Körper der
kriegerischen Leibwache, die so zahlreich war, daß von ihr
ganze Besatzungen und kleine Heere abgezweigt werden konnten,
kamen die Beamten der einzelnen Hofdienste, der Jägerei, der
Reichsämter, der Kanzlei, des persönlichen Dienstes.
Und nicht genug mit dem ewigen Kommen und Gehen
dieser Scharen; auch der Aufenthaltsort war für den Kaiser
kein ständiger. Denn noch gab es keine Residenzen dauernder
Art, und von Provinz zu Provinz mußte der Herrscher ziehen
im Wechsel der Monate und Wochen: Karl hat in den Jahren
767 bis 814 nachweislich etwa elf Tausend geographische
Meilen zurückgelegt. Denn da die Einnahmen des Königs