Object: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
burys, eingestellt, so wuchsen sie in den fünfziger und sechs— 
ziger Jahren noch um vieles; namentlich Mendelssohn ist stark 
von ihnen bewegt gewesen und hat es darum freilich, bei aller 
Anregung, die er gab, nicht eigentlich zu einem klaren System 
eigenen Denkens gebracht. 
Unter all diesen Einflüssen entstand nun eine frische und 
mächtige Gärung: ein Neues will sich überall bilden; all— 
gemein ist das Interesse an der Seelenwissenschaft: ihre An— 
fänge werden in den höheren Schulen gelehrt; und in der 
Forschung wendet man sich, wie es Anfängen neuer wissen— 
schaftlicher Forschung zu gehen pflegt, alsbald der Lösung der 
schwersten Fragen zu. 
Vor allem aber mußte es doch darauf ankommen, nun 
die neuen, noch recht unklaren Anschauungen in ihrer ein— 
fachsten Bildung unter einem bestimmten Gesichtspunkte zu 
ordnen und womöglich in die Gefäße bestimmter Systeme zu 
gießen. Und da war wohl von Creutz in seinem Versuche 
über die Seele (1754) einer der ersten, der zunächst mit einem 
neuen allgemeinen Prinzip Ernst machte, indem er, vielleicht 
mit beeinflußt durch Leibnizens Monadenlehre, den alten 
rationalistischen Begriff eines reinen unsinnlichen Erkenntnis— 
vermögens verließ und statt dessen den Begriff allseitiger 
Selbsttätigkeit der Seele aufstellte. 
Eine wesentliche philosophische Unterstützung erhielt diese 
Auffassung, die im nächsten Jahrzehnt in das fortgeschrittenere 
Zeitbewußtsein eindrang, aber doch wohl erst durch das Er— 
scheinen von Leibnizens posthumem Werke, den Nouveaux 
ossßais (1765). Hier war die Idee der Seele als einer un— 
unterbrochen wirkenden psychischen Energie siegreich gegen Locke 
ins Feld gestellt, und, um sie durchzuführen, den nur dunkel 
oder gar nicht zum Bewußtsein gelangenden Vorgängen des 
Seelenlebens der berechtigte Platz eingeräumt. Hier erschien 
die Seele nicht mehr als tabula rasa, deren unbeschriebener 
Fläche erst die sinnliche Erfahrung einen Inhalt zu geben be— 
ginnt, sondern als ein unergründliches Meer von Empfindungen, 
aus dessen Tiefen sich bald leise Wellen, bald brandende Wogen
	        
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