Die Bedeutung der Lust- und Schmerzgefühle. 21
daran sich knüpfenden Empfindungen das Bewußtsein von Vorteilen und Nachteilen,
von Förderung und Schaden erwache, daß im ganzen die Zunahme an Kraft und Leben
uns angenehm, die Abnahme unangenehm berühre, daß die Lust als Wegweiser des
Lebens, der Schmerz als Warner vor Gefahr uns gegeben sei. „Im Gefühl nimmt die
Seele das Maß der Übereinstimmung oder des Streites zwischen den Wirkungen der
Reize und den Bedingungen des Lebens wahr“ (Lotze). Eine Welt, in welcher über—
wiegend und regelmäßig das, was das Leben zerstört, Lust bereitete, in der Schmerz
entstünde durch das, was das Leben fördert, müßte sich rasch zu Grunde richten. Die
positiven und negativen Gefühle dienen als elementarer Steuerungsapparat in dem
ewigen Kampf der Selbsterhaltung und Erneuerung des Menschengeschlechts. Nur aus
dem positiven und negativen Empfinden kann das richtige Sich-Bestimmen und Handeln
hervorgehen.
Man kann hiegegen scheinbar nun mancherlei einwenden: bestimmte Arten über—
mäßiger Lust können leicht Schmerz, Krankheit und Tod bringen; alle Erziehung des
Menschen beruht auf der augenblicklichen Luftvermeidung; nichts muß der Jugend mehr
eingeprägt werden als: lerne Schmerz ertragen und auf Genuß verzichten; das Gift
kann zuerst Lust bereiten, nachher töten. Es ist auf solche Einwürfe zu antworten:
schon der einzelne Mensch ist ein unendlich kompliziertes Wesen, in welchem zahllose
Nervenzellen in jedem Augenblick positiv und negativ angeregt sein können, in welchem
aber jede dauernde Schmerzvermeidung und Lustbereitung auf einem harmonischen Gleich—
gewicht aller Nervenzellen beruht. Dieses Gleichgewicht kann nur erreicht werden durch
Erziehung und Lebenserfahrung. Im Kinde, beim Unerfahrenen, beim Menschen ohne
Selbstbeherrschung, bei dem mit ungesunder Gefühlsentwickelung kommen einzelne Gefühle
zeitweise zu einer falschen Herrschaft über die anderen. Ebenso lernt der Mensch nur
iangsam die Einfügung und Eingewöhnung in die Gesellschaft; er sieht nicht sofort
ein, daß ihm diese momentane Lustverluste, aber dauernde Glücksgewinne bringe. Die
Gefühle des Menschen sind in steter Entwickelung, die höheren erlangen erst nach und
nach das Übergewicht. Die einzelnen und die Völker haben zunächst die Gefühls—
ausbildung, welche ihrem bisherigen Zustand, ihren bisherigen Lebensbedingungen ent—
sprechen. Werden sie in andere versetzt, so reagieren ihre Gefühle doch zunächst noch
in alter Weise, können sich erst langsam den anderen Zuständen anpassen. Aus allen
diesen Gründen müssen einzelne Gefühle und zumal solche von anormaler Entwickelung
immer zeitweise den Menschen irreführen, der nicht verstäändig genug ist, die Zusammen—
hänge zu übersehen, der nicht durch sociale Zucht und Erziehung, durch Umbildung und
Anpassung auf den rechten Weg geführt wird. Die Gefühle sind nicht blinde, sondern
vom Intellekt zu regulierende Wegzeiger. Der Mensch muß erst lernen, daß Arbeit und
Zucht, wenn im ersten Stadium auch unbequem, auf die Dauer glücklich mache, daß die
verschiedenen Gefühle einen verschiedenen Rang haben, daß die elementarsten sinnlichen
Befühle zwar die stärksten seien, aber auch die kürzesten Freuden geben, daß sie ein
Ubermaß der Reize so wenig ertragen wie Unterdrückung, daß hier die regulierte mittlere
Reizung allein das Leben sordere, daß schon die zu haäufige Wiederholung schade, daß
mehr und mehr für den Kulturmenschen das dauernde Glück nur durch die Ausbildung
und Befriedigung der höheren Gefühle erreichbar sei.
Die Lustgefühle des Essens und der Begattung sind die stärksten, elementarsten;
durch sie wird es bewirkt, daß das Individuum und die Gattung sich erhält. Je
aiedriger die Kultur steht, desto mehr stehen sie im Vordergrund, beherrschen überwiegend
oder gar allein die Menschen. Aber auch der rohe Mensch lernt nach und nach daneben
die Freuden kennen, die sich an die höheren Sinne des Auges und des Ohres knüpfen.
Es entstehen die ästhetischen Gefühle, das Wohlgefallen an der Harmonie der Töne und
der Farben, die Gefühle des Rhyihmus, des Takles, der Symmetrie. Aus ihnen ent—
wickeln sich die intellektuellen Gefühle, die Freude an der Lösung jedes praktischen oder
theoretischen Problems, am Begreifen und Verstehen irgend einer Erscheinung. Ebenso
entstehen aber mit dem Gattungsleben und mit der eigenen Thätigkeit die moralischen
Befühle. Der Mensch kann nicht bloß essen und lieben, er muß seine Zeit und seine