fullscreen: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

244 
Neuntes Buch. Drittes Kapitel. 
des 4. bis 6. Jahrhunderts oder diejenigen des Achener Münsters, 
mögen wir die Wandmalereien der ausgehenden frühchristlichen 
Kunst oder die zu St. Georg auf der Reichenau aus dem 10. 
Jahrhundert betrachten: überall tritt uns ein wesentlich gleicher 
Charakter entgegen. Wie änderte sich das nun seit dem Auf— 
keimen des konventionellen scenischen Geschmackes in der Nation, 
seit spätestens der Mitte des 12. Jahrhunderts. Von da ab 
kommt Leben in die starren Massen hergebrachter Typen; neue 
Beziehungen werden gefunden, neue Vorwürfe für die Dar— 
stellung treten auf, und auch die Formen lösen sich, bis aus 
den hageren, gleichsam einbalsamierten Figuren der Frühzeit 
die frei daherschreitenden, heiter blickenden, von stark, ja flat— 
ternd bewegtem Faltenwurf umfangenen und wohl modellierten 
Gestalten der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts geworden sind. 
Und doch war auch diese neue Kunst in ihrer steigenden 
Bewegung, wie sie die zahlreichen Überreste in den Kirchen 
namentlich des Niederrheins und Westfalens zeigen, immerhin 
noch konventionell, ja konventioneller, als die Miniaturmalerei 
der Handschriften; noch immer ordnete sie sich den Anforderungen 
der Architektur durchaus unter, liebte nicht allzu ausgefüllte 
Scenen und vermied es, Grundsätze der Komposition zu ent— 
wickeln: in ihrem ganzen Wesen das charakteristische Zeugnis 
eines Zeitalters, das noch wenig über die ästhetische Einzelbe⸗ 
trachtung der Menschengestalt hinausgekommen war. 
Aber eben das war die ästhetische Disposition, die als 
Voraussetzung einer großen, wenn auch noch nicht naturalistischen 
Plastik gedacht werden kann. 
Eine nationale Plastik nicht mehr ornamentalen Charakters 
hat noch das 10. bis 12. Jahrhundert nicht gekannt. Zwar 
machte man in Baiern, in Schwaben und Franken, in Westfalen 
und vereinzelt auch am Rhein in dieser Zeit Versuche, über 
bloß ornamentales Schaffen, wie es sich in den reichen Bau— 
gliedern des erwachenden romanischen Stiles auswirken konnte, 
hinauszukommen. Es entstanden hier aus der Vermischung von 
Ornament und freier Plastik Gebilde einer wunderlichen Phantasie, 
abenteuerliche Mischbildungen von Pflanzen, Tieren und mensch—
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.