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Neuntes Buch. Drittes Kapitel.
des 4. bis 6. Jahrhunderts oder diejenigen des Achener Münsters,
mögen wir die Wandmalereien der ausgehenden frühchristlichen
Kunst oder die zu St. Georg auf der Reichenau aus dem 10.
Jahrhundert betrachten: überall tritt uns ein wesentlich gleicher
Charakter entgegen. Wie änderte sich das nun seit dem Auf—
keimen des konventionellen scenischen Geschmackes in der Nation,
seit spätestens der Mitte des 12. Jahrhunderts. Von da ab
kommt Leben in die starren Massen hergebrachter Typen; neue
Beziehungen werden gefunden, neue Vorwürfe für die Dar—
stellung treten auf, und auch die Formen lösen sich, bis aus
den hageren, gleichsam einbalsamierten Figuren der Frühzeit
die frei daherschreitenden, heiter blickenden, von stark, ja flat—
ternd bewegtem Faltenwurf umfangenen und wohl modellierten
Gestalten der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts geworden sind.
Und doch war auch diese neue Kunst in ihrer steigenden
Bewegung, wie sie die zahlreichen Überreste in den Kirchen
namentlich des Niederrheins und Westfalens zeigen, immerhin
noch konventionell, ja konventioneller, als die Miniaturmalerei
der Handschriften; noch immer ordnete sie sich den Anforderungen
der Architektur durchaus unter, liebte nicht allzu ausgefüllte
Scenen und vermied es, Grundsätze der Komposition zu ent—
wickeln: in ihrem ganzen Wesen das charakteristische Zeugnis
eines Zeitalters, das noch wenig über die ästhetische Einzelbe⸗
trachtung der Menschengestalt hinausgekommen war.
Aber eben das war die ästhetische Disposition, die als
Voraussetzung einer großen, wenn auch noch nicht naturalistischen
Plastik gedacht werden kann.
Eine nationale Plastik nicht mehr ornamentalen Charakters
hat noch das 10. bis 12. Jahrhundert nicht gekannt. Zwar
machte man in Baiern, in Schwaben und Franken, in Westfalen
und vereinzelt auch am Rhein in dieser Zeit Versuche, über
bloß ornamentales Schaffen, wie es sich in den reichen Bau—
gliedern des erwachenden romanischen Stiles auswirken konnte,
hinauszukommen. Es entstanden hier aus der Vermischung von
Ornament und freier Plastik Gebilde einer wunderlichen Phantasie,
abenteuerliche Mischbildungen von Pflanzen, Tieren und mensch—