Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

s28 
Zweiundzwanzigstes Buch. 
Entwicklung getragen hatten; es war abgewirtschaftet. Übrig 
geblieben war der bloße Zwang des Raumbedürfnisses und der 
Gesichtspunkt des Zweckmäßigen: die Baukunst war auf die 
einfachen Forderungen beschräukt, die der aufstrebende und prak⸗ 
tische Stand des Bürgertums vornehmlich an sie stellte und bei 
seinen materiellen Mitteln auch allein an sie stellen konnte. Die 
Daseinsbedingungen des noch unglaublich nüchternen Bürger— 
hauses des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren 
geschaffen: Kasernenstil im kleinen wie im großen, für Familien⸗ 
wie Zins- und Geschäftshaus. Erschien dieser Zeit aber eine 
architektonische Kunst üuber das bloße Bedürfnis des Bauens 
als solches hinaus als zulässig, so konnte eben der Hellenismus 
mit seiner edlen Einfachheit geeigneter als irgendein anderer Stil 
an diese Alltagsformen anknüpfen. Und schon war diese Ver— 
bindung in dem Lande des frühest entwickelten Bürgerstandes, 
in England, hergestellt. 
In England hatte man sich nie so recht für das Barock 
begeistern können; man war Palladio treu geblieben. Von 
hier schlug sich dann leicht die Brücke zum Hellenismus, als 
der allgemeine geistige Fortschritt auf anderen Gebieten zu 
diesem geneigt machte und als die großen wissenschaftlichen 
Entdeckungen Stuarts sowie Rewetts (1748) und anderer die 
verschüttete und vergessene Welt der griechischen Tempel wieder 
ans Licht zogen: jetzt schuf vor allem das englische Bürgertum 
eine erste junghellenische Architektur jungfräulich-herben, ja 
kargen Stils. Inzwischen aber war dieser Stil nach Frankreich 
übergegangen, wo man des tollen Rokokoüberflusses satt war 
und dem alten Streben schon des Zeitalters Ludwigs XIV. 
nach einfacher Erhabenheit jetzt nicht bloß im Baukörper, 
sondern auch in dessen Schmuck zu willfahren suchte. So 
wurde denn die zügellose Ornamentik, eine letzte Ausläuferin 
der Renaissancekunst, verlassen; auch im Innenbau wurden 
die Dekorationsmotive ins Antike vereinfacht, und für ihre 
Einordnung die strenge Gliederung der Wände durch stark 
profiliertes Rahmenwerk zurückerobert. 
In Deutschland erhielt man diese neue Bauweise etwa
	        
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