Sonderbildungen an den Grenzen des Reiches. 189
als Sohn einer Tochter Philipps des Schönen Ansprüche auf
die Herrschaft Frankreichs; wir wissen, wie er seit der Mitte
der dreißiger Jahre auch deutsche Bundesgenossen, darunter
den Kaiser Ludwig gewanni. Konnte nun Flandern in
diesem großen Gegensatze der westeuropäischen Mächte neutral
bleiben?
In Gent war im Jahre 1337 ein neuer Aufstand gegen
das gänzlich französierende und französischem Blute entstam⸗
mende Grafengeschlecht der Dampierres ausgebrochen, und bald
hatte er sich auch auf die andern Städte verbreitet. An der
Spitze der Bewegung stand einer der größten vlamischen Staats⸗
männer, der Genter Jacob van Artevelde. In der That ver—⸗
suchte er es zunächst, im Jahre 1838, gegenüber Frankreich
wie England mit einer Neutralitätserklärung des Landes.
Aber hieß das nicht schon sich vom französischen Lehnsherrn
abwenden? Im Jahre 1340 haben die Vlamen Edward III.
als französischem König gehuldigt; und von nun ab schlugen
fie gegen Frankreich und ihren Grafen zugleich die Schlachten
Englands. Im Innern aber begründete Jacob van Artevelde
eine höchst eigenartige Verfassung. Flandern erschien jetzt in drei
Bezirke geteilt, die unter den drei Gliedern Gent, Brügge und
Jeperen standen. Jedes dieser Glieder hatte in seinem Bezirke
die militärische Oberhoheit, ernannte die Schöffen in den
kleineren Städten oder versuchte dies wenigstens zu thun, und
setzte in verdächtigen Städten Statthalter (Ruwarts oder Be⸗
leeders). Außerdem beanspruchten alle drei Glieder eine Art
Gerichtshoheit über das ganze Land. An ihrer Spitze aber
stand Jacob als Ruwart von Flandern, völlig im Sinne eines
republikanischen Präsidenten, ohne Rücksichtnahme auf die gräf—
lichen Rechte, und versuchte der neubegründeten Verfassung eine
Ausdehnung auch über die Städte des Artois und Brabants
zu geben.
Es waren weitsichtige Pläne, die Ersolg nur bei voller
Einigkeit der zusammengefaßten städtischen Republiken haben
1S. oben S. 101.