Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Städtisches Dasein und bürgerliche Gesellschaft. 217 
Befestigung jenseits jener geistlichen Bezirke. Die ländliche 
Bevölkerung ward so in die Stadt gezogen; es dauerte lange, ehe 
sie von Lebensgewohnheit und alter Beschäftigung abließ, ja 
sie war stark genug, jenseits der neuen Mauern neue Komplerxe 
von Obstgärten und Gemüseanlagen erstehen zu lassen. 
Freilich schließlich füllte sich auch der einst von Gartenkultur 
bedeckte Raum zwischen den Stadtmauern und dem Centrum 
mit neuen Straßen, und wiederum begann ein Ausbau vor 
den Thoren. Aber die Anregung zu ihm ging nicht mehr von 
den alten geistlichen Grundherrschaften aus: sie waren längst 
oerfallen: vielmehr waren es jetzt die Verkehrsinteressen der 
Stadt selbst, die hier eine neue Bevölkerung schufen. Vor den 
Thoren, namentlich im Angesicht einer verkehrsreichen Brücke, 
dehnten sich nun wohl Vorstädte in langen Straßenzeilen aus 
mit niedrigen Häusern, mit teilweis unständiger Bevölkerung 
von halb ländlichen, halb städtischen Interessen, die viel— 
fach in einer besonderen Ortsgemeindeverfassung zum Ausdruck 
kamen. Es waren nicht gerade die angenehmsten Teile 
tädtischer Ansiedlungen; hier lebte der Kleinhandel in seiner 
niedrigsten Gestalt und das Pfandgeschäft, hier priesen sich 
Kartenschlägerinnen und weise Frauen an, hierhin waren 
die mit dem Stadtausbau aus den alten Spelunken an der 
Stadtmauer vertriebenen Stromer und Zuhälter, die Wegener 
und Lastermäuler gezogen, hier saß in den Städten mit großer 
Tuchmanufaktur die Masse der proletarischen Weber. 
Es war der Abhub der Einwohner, der hier verkehrte; 
seine Aussonderung im Verlaufe des 14. Jahrhunderts weist 
darauf hin, daß seit dieser Zeit von einem gewissen Abschluß 
in dem Entwicklungsgang der städtischen Bevölkerung ge— 
sprochen werden darf. 
I. 
Ubersieht man die Standorte der einzelnen bürgerlichen 
Geschäftskreise in der Stadt in ihrer geschichtlichen Entwicklung 
wie lokalen Verteilung, so wird es begreiflich, wie schwer es 
ist, bei dem Mangel ausreichender statistischer Überlieferungen zu
	        
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