Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

12. Die Schwarzwälder Uhrenindustrie. 
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beherrschen. Schwache Versuche der Produzenten, selber, sei es einzeln oder ge 
nossenschaftlich, den Verkauf an den Konsumenten in die Hand zu nehmen, wurden 
frühzeitig aufgegeben. Aber auch die alten Glasträgerkompagnien, die über den 
Oberrhein und Schwaben nicht hinauskamen, genügten nicht. Nach dem Muster ihrer 
inneren Verfassung, aber ohne ihre geographische Beschränkung und Abgrenzung ent 
stehen nun allerwärts große und kleine Kompagnien von Uhrenhändlern, die binnen 
weniger Jahrzehnte alle Länder der zivilisierten Erde durchstreiften und für die 
Schwarzwälder Uhr gewannen. Der Hausierhandel blieb die Grundlage des Be 
triebes. Waren, die der wandernde Händler gleichzeitig unterbringen konnte, und 
die vom Zunftzwang freigelassen waren, verband er miteinander, und stets war er 
bedacht, keinen Weg umsonst zu machen, Einkauf und Verkauf zu kombinieren. 
Der Wechsel der Absatzbedingungen in den einzelnen Ländern, Verbote und 
Zollschwierigkeiten, die ihnen bereitet wurden, veranlaßten die größeren Uhren 
kompagnien, sich planmäßig in verschiedenen Gebieten festzusetzen. Je nach den 
Kenntnissen und Fähigkeiten ward jeder einzelne „Kamerad" für einen Platz, für einen 
Zweig des Geschäftes bestimmt. Der Anfänger, der Uhrenknecht, erhielt wohl einen 
Kasten mit Uhren für sich persönlich; aber er ward verpflichtet, die Kenntnis der 
Sprache und der Korrespondenz des Landes, in welches man ihn schickte, sich anzu 
eignen. Fast unmerklich gestalteten sich die ansehnlichsten dieser halbbäuerlichen Ge 
nossenschaften zu modernen Aktiengesellschaften um. 
Freilich soll man nicht meinen, daß in ihnen jemals viel von einer patriarcha 
lischen Verfassung zu spüren gewesen wäre. Die harten Köpfe der Schwarzwälder 
fügten sich nicht leicht dem Zwange der Genossenschaft. Parteiungen, Familieneifer 
sucht, vor allem der Ehrgeiz einzelner unternehmender Mitglieder, die den Vorsich 
tigeren, Langsameren ihren Willen aufdrängen, machen die Geschichte jeder einzelnen 
dieser Kompagnien zu einem interessanten psychologischen Gemälde. Die Speku 
lationen im fremden Land, wobei die Kühnheit doch oftmals den überblick nicht er 
setzte, untergruben nur zu oft die Solidität des Geschäftes. Dann suchte der Händler 
die Einkaufspreise aufs äußerste zu drücken; nur der, welcher als wirklicher Künstler 
schuf, konnte dauernd auf lohnenden Absatz rechnen. Zeitweise war der Gegensatz 
zwischen Händlern und Uhrmachern der schärfste, zumal auch hier Mittelsmänner, 
Speditoren oder Packer, sich unentbehrlich zu machen wußten. 
Um solchen Mißständen vorzubeugen, war für die zuverlässigen Uhrenkompag 
nien die strenge innere Verfassung noch notwendiger als für die Glasträger. Durch 
den Beschluß aller Kameraden ward bestimmt, wer aufgenommen werden solle; auch 
von den Söhnen der Mitglieder wurde selten mehr als einer zugelassen. Gemeinsam 
ward bei der Rechnung der Gewinnanteil des einzelnen festgestellt. Jeder mußte sich 
auf den Platz begeben und ihn verlassen, wie die Kompagnie es anordnete. In der 
Regel sollte ein jeder im Verlaufe bestimmter Zeit nach der Heimat zurückkehren, und 
nur dort durfte er Weib und Kind haben, damit er auch wirklich echter Schwarzwälder 
bleibe. Die Abgefallenen, die oft im Auslande zu den gefährlichsten Konkurrenten der 
heimatlichen Industrie wurden, sah man schlechthin als Verräter, als Verbrecher an. 
Und lange Zeit blieb das Ziel erreicht: in allen Hauptstädten, auf allen Land 
straßen Europas und bald auch Amerikas waren die Söhne des Schwarzwaldes zu 
finden; aber immer behielten sie den Gedanken im Herzen, im Alter in behäbigem 
Wohlstand in ihren heimischen Bergen zu weilen.
	        
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