Full text: Theoretische Sozialökonomie

$ 91. Praktische Schlußfolgerungen, » 
Uniformierung des Arbeiterstandards. Jede Zeit hat ihre Dogmen, an 
denen man nicht zweifeln darf und die ohne jede Kritik allgemein gut- 
geheißen werden. Ein solches Dogma ist in unserer Zeit vor allem die 
Lehre von der Notwendigkeit der Internationalität des Arbeiterschutzes, 
Diese Lehre ruht auf einer vollständigen Verkennung des Wesens sowohl 
des Arbeiterschutzes wie des internationalen Handels. Es ist gar nicht 
natürlich, daß alle Völker unter denselben Bedingungen arbeiten sollen. 
Im Gegenteil, für die verschiedenen Völker ist der natürliche Arbeits- 
takt und deshalb auch der optimale Arbeitstag notwendig verschieden. 
Die Bedürfnisse und deshalb auch das notwendige Einkommen zeigen 
ebenfalls sehr starke Verschiedenheiten. Ein internationaler Handel 
hat sich bisher immer zwischen Ländern mit sehr verschiedenem Arbeits- 
standard entwickelt und er ist dennoch ohne jeden Zweifel für sämt- 
liche Länder ein großer Vorteil gewesen, indem dadurch eine natürliche 
Arbe tsteilung mit daraus folgender erhöhter Produktivität der Volks- 
wirtschaft zustandegekommen ist. 
Denken wir uns zwei Länder mit verschiedenem Arbeitsstandard, 
so kann eine ökonomisch vorteilhafte Arbeitsteilung und Warenaus- 
tausch zwischen diesen Ländern immer zustande kommen. Wir sehen 
dies am besten, wenn wir wie in der hier entwickelten allgemeinen Theorie 
des internationalen Handels voraussetzen, daß jedes Land eine selb- 
ständige Papiervaluta hat. Bei freiem Warenaustausch wird sich der 
Wechselkurs, wie wir oben gesehen haben, so gestalten, daß jedes Land 
von dem anderen ebensoviel kauft, wie es nach demselben verkauft. 
Bei Goldwährung wird dasselbe Gleichgewicht nur unter anderen tech- 
nischen Formen erreicht. Der niedrigere Arbeitsstandard kann also eben- 
sowenig wie andere die Produktion verbilligende Umstände eine allge- 
meine Überlegenheit in der Konkurrenz schaffen. 
Die Bestrebungen zur Internationalisierung des Arbeiterschutzes 
oder allgemeiner gesagt des Arbeitsstandards, die in der heutigen Politik 
so auffallend in den Vordergrund treten, sind deshalb wirtschaftlich 
betrachtet im wesentlichen unbegründet. Aus rein humanitären Gründen 
kann es natürlich unter Umständen berechtigt sein, für eine Inter- 
nationalität gewisser Schutzmaßnahmen einzutreten. Das weitaus 
überwiegende Motiv in den Bestrebungen zur Uniformierung des Arbeits- 
standards ist aber ohne Zweifel von protektionistischer Art. Wenn z. B. 
die Regierungen sich zu Konferenzen über die Internationalisierung des 
Achtstundentages sammeln, so kann man ganz sicher sein, daß dies nicht 
aus humanitärem Interesse für das Wohl fremder Arbeiter geschieht. 
Das Ziel ist einfach, eine als schädlich aufgefaßte Konkurrenz zu unter 
drücken. Diese Bestrebung ist aber unvernünftig, “teils weil, wie wir 
eben gesehen haben, ein vorteilhafter internationaler Warenaustausch 
auch bei verschiedenem Arbeitsstandard sich entwickeln. kann, teils 
aber auch deshalb, wiel die Uniformierung des Arbeitsstandards im 
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