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Erstes Buch, Cap. 1.
Hintergrund tritt, Die Kindererziehung wird dann eine ganz
freie nach Wunsch der Kinder durch Jedermann werden.
Man braucht kein Wort darüber zu verlieren, dass dies
Alles auf gänzlicher Verkennung der menschlichen Natur be-
ruht. Doch ist es eine richtige Consequenz der Idee, dass
von Natur alle Menschen in gleicher Weise ganz vor-
herrschend oder ausschliesslich geistige resp. denkende Wesen
seien. Es liegt sogar ein missleiteter Idealismus darin und
der Kampf gegen die Ehe wird, ohne jede Beimischung sinn-
licher Gemeinheit geführt. All dies ist eine lächerliche aber
an sich richtige Folgerung aus dem Princip, dass das ganz
freie selbständige Individuum ein vollkommenes Wesen wer-
den müsse — und was ist dies anders als das Extrem der
Idee, dass wir durch unbedingtes laissez faire die vollkom-
menste der Welten erreichen würden?
Nun bleibt aber noch eine Schwierigkeit, und um diese
zu überwinden, verliert sich Godwin in absoluten Wahnsinn.
Wenn auch Jeder nur die nöthige Nahrung und Obdach be-
gehrt, Glanzliebe und Luxus nicht durch Zwang, sondern in
Folge ihrer Lächerlichkeit aussterben, wird nicht die Be-
völkerung dereinst so anwachsen, dass eben nicht mehr Alle
auch die nöthigste Nahrung finden und dass dann doch
Streit entsteht ?
Diese Frage zu beantworten, schrieb Godwin später ein
Buch gegen Malthus !). Dieses Buch schrieb Godwin am Ende
seiner Tage und es trägt deutlich: die Zeichen der Alters-
schwäche. Es ist äusserst langweilig, enthält zahllose Stellen
aus den Psalmen und andere Bibelsprüche, ermüdende Aus-
brüche eines unverwüstlichen Optimismus, den Glauben, dass
der Mensch durch seinen Willen aller Uebel Herr werden
könne ete. Die Hauptskche ist der selbstverständlich miss-
Jungene Beweis, dass die Bevölkerung faktisch keine Tendenz
habe, sich progressiv zu vermehren, sondern die stationär zu
bleiben, dass es also keiner schmerzliehen „„checks“ zur Ver-
1) Ich kenne dasselbe aus der französischen Uebersetzung von 1821.
Es ist von 1820.