Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Kämpfe zwischen Papsttum und Kaisertum; goldene Bulle. 89 
nun ein schneidiges Werkzeug des Arztes, zur Heilung der Kirche 
anwandten. Beide Bettelorden beruhten in den ersten schönen 
Generationen ihres Bestehens auf dem Grundsatz der Besitz— 
losigkeit. So hat Giotto den heiligen Franz in der Kirche von 
Assisi gemalt: vor Christus stehend wechselt er mit der Armut, 
einem Weibe zerrissenen, strickgegürteten Gewandes, den Ring, 
ener Gestalt, 
vor der der Freuden Tor 
Die Menschen fest, wie vor dem Tod verwahren. 
Und das neue Leben der Erniedrigung zog viele an, die an der 
hierarchischen Kirche Mißfallen fanden; in einem Gedichte des 
—— 
dehnung der Bettelorden die Blüte der Jugend entrissen werde!. 
Aber auch dies Ideal verblaßte. Die Orden wurden lässig; 
die Dominikaner schlechthin reich; die Minderbrüder trugen, 
um wenigstens äußerlich den Grundsatz zu wahren, ihren ge— 
waltigen Besitz dem Papste zum Scheineigen auf. Indes unter 
den Minoriten hielt sich doch wenigstens bei einer Minderheit 
der alte Gedanke und die Opposition gegen die Verweltlichung 
der Kirche; vermischt mit prophetischen und chiliastischen Ideen 
fand er seinen Ausdruck in der besonderen Gruppe der Spiritualen 
uind Fraticellen. Und der gesamte Orden stimmte ihnen theoretisch 
wenigstens bei: Ein Generalkapitel zu Perugia, Pfingsten 1822, 
stellte den Satz, daß Christus und die Apostel weder privates noch 
gemeinsames Eigentum gehabt, als unumstößliche Wahrheit fest. 
Es war unzweifelhaft ein Vorgehen gegen die Weltmachts— 
neigungen der Kurie, und es war ein Eingriff zugleich in die 
Lehrbefugnisse der Papstes. Johann XXII. war nicht der 
Mann, derlei zu dulden. Um die Minoriten thatsächlich zu 
widerlegen, verzichtete er auf das Eigentumsrecht an ihrem 
Besitz; und im übrigen erklärte er, im November 1328, die 
Lehre von der Armut Christi als ketzerisch. 
Es war der Beginn einer Vergewaltigung derjenigen kirch— 
lichen Strömungen, welche sich dem theokratischen Ideal des 
Papsttums, der Verweltlichung der Kirche widersetzten. 
1 Hauréau, Bibl. de l'éEc. des Chartes 45, 5-380.
	        
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