Sonderbildungen an den Grenzen des Reiches. 123
Etwas anders stand es schon im Nordosten. Das äußerste
—D— Preußen, hatte zwar
landsmannschaftliche Beziehungen zu den alten Kulturmittel⸗
punkten, zu Franken, Schwaben, Bayern; Edle gerade dieser Länder
waren in das ferne Gebiet an der Weichsel gewandert, ja ihre
Nachkommen bildeten dort seit etwa Mitte des 14. Jahrhunderts
einen Ring, aus dessen Mitte alle hohen Verwaltungsstellen
besetzt wurden, und die Umgangssprache des Landes blieb hoch⸗
deutsch. Allein eben dadurch wurden räumlich näher liegende
Beziehungen zum Mutterland, die nach Mitteldeutschland
hätten weisen müssen, unterbunden. Und auch die vom Mutter⸗
land noch weniger entfernten Kolonialgebiete hatten mit diesem,
hatten vor allem mit dem Reiche als solchem geringen Verkehr.
Die alten Handelsbeziehungen, in denen westfälische Kaufleute
nach vielen Stellen der Ostseeküste Verbindungen gepflegt hatten,
waren durch die Entwicklung eines einheimischen Kaufmanns⸗
standes der Kolonialgebiete verändert und in ihrer früheren Form
zerstört worden?, indem sich für die Verbindung des nördlichsten
Ostens und Westens statt des Weges über Lübeck und Hamburg
die Umlandsfahrt durch den Sund zu entwickeln begonnen hatte;
ein Elbhandel als Mittelglied zwischen mutterländischen und
kolonialen Verkehrsgebieten war noch wenig entwickelt; Pirna
war noch der letzte größere Hafen oberhalb Magdeburg, und erst
seit der Mitte des 14. Jahrhunderts fuhr man regelmäßiger
hon der Moldaumündung thalwärts bis Hamburg.
So bildete Norddeutschland ein Kulturgebiet für sich, mit
eignen Interessen. Und schon wandten diese sich nicht mehr
bloß der rohen Kolonisation und Germanisierung zu. Der
— Osthälfte der Mark Branden⸗
burg, ganz Mecklenburg waren jetzt deutsch, in Pommern und
Rügen entstanden überall die reindeutschen Orte mit der Endung
auf —hagen; im Jahre 1404 soll nach Kantzows Angabe auf
Jasmund die letzte alte Frau gestorben sein, die noch slawisch zu
sprechen wußte. Da war es wohl an der Zeit, auch an höhere
deutsche Interessen zu denken. Unter dem Adel, der den Klöstern
S. darüber Genaueres unten S. 144 f.